Literatur

Blutig und erfolgreich: Deutsche Lokalkrimis boomen

Das Böse ist überall - nicht nur in deutschen Großstädten

Foto: Carsten Rehder / dpa

Das Böse ist überall - nicht nur in deutschen Großstädten

Gemeuchelt wird nicht nur in Großstädten, sonst wären die vielen regionalen Thriller nicht bundesweit so beliebt. Eine Analyse.

Hamburg.  1984 war das Jahr, in dem der Computerhersteller Apple mit riesigem Werbeaufwand den ersten Macintosh auf den Weltmarkt brachte und in dem in Deutschland der erste Regionalkrimi erschien. "Tödlicher Klüngel" hieß das Buch, Christoph Gottwald sein Autor. Erschienen ist es im kurz zuvor gegründeten Kölner Emons Verlag. Dass der Macintosh ein Erfolgsmodell mit weitreichenden Folgen werden würde, war bereits damals absehbar. Dass aber dieser schmale Köln-Krimi das Tor zu einer Flut vergleichbarer Veröffentlichungen aufstoßen würde, damit hatte wohl kaum jemand gerechnet.

Schaut man sich heutzutage die Landkarte des deutschsprachigen Kriminalromans an, kommt man ins Staunen – oder ins Grübeln. Vermutlich bedingt sich beides wechselseitig. Kaum eine Stadt, kaum eine Region, wo es keine Krimireihe gibt, die nicht den Namen der Stadt, der Region oder des Landstrichs im Reihentitel trägt: Es gibt den Chiemsee-Krimi, den Küsten-Krimi, den Hinterm-Deich-Krimi, den Niederrhein-Krimi, den Alpen-Krimi, den Bodensee-Krimi, den Ostfriesen-Krimi, den Sylt-Krimi, den Lüneburg-Krimi, den Franken-Krimi, den Insel-Krimi und, und, und. Und den Eifel-Krimi.

Mit dem Eifel-Krimi kam 1989 die Welle so richtig ins Rollen. Da erschien Jacques Berndorfs "Eifel-Blues", der erste Roman einer Reihe weiterer Eifel-Krimis aus dessen Schreibwerkstatt. Mit mehr als sechs Millionen Büchern zählt er zu den ­erfolgreichsten deutschen Autoren.

Wie sich nun aber der Begriff ­Regionalkrimi definiert, gestaltet sich schwierig. "Ein Regionalkrimi ist ein Kriminalroman, der neben der Krimihandlung die Situation in einer Stadt oder Region, aus der das Verbrechen heraus geschieht, mit schildert", sagt Hejo Emons, Gründer des gleichnamigen Verlags, der uneingeschränkter Marktführer in der Sparte Regionalkrimi ist. Rund sechs Millionen solcher Bücher haben die Kölner verkauft, die Startauflage unbekannter Autoren liegt bei 3000 Exemplaren, bei bekannten Autoren wie Hannes Nygaard mit seinen Küstenkrimis entsprechend höher.

Bei nicht eben wenigen Autoren von Regionalkrimis sind Landschaft und städtisches Leben jedoch nur Fassade, vor der die Figuren mehr oder ­weniger glaubwürdig agieren. Eine Einheit von Ort und Figuren, aus der sich Tat und Motiv wie im klassischen Krimi schlüssig herleiten lassen, gibt es nicht. Die eigentliche Handlung tritt also in den Hintergrund. Für Julia Eisele, Programmchefin Taschenbuch Bel­letristik im Münchner Piper Verlag, ist ein Regionalkrimi "ein Krimi, bei dem Setting und Atmosphäre eine übergeordnete Rolle spielen. Je mehr Lokalkolorit, je ländlicher die Umgebung, je humorvoller die Art und Weise, wie mit Eigenheiten der Bewohner des jeweiligen Landstrichs umgegangen wird, desto eher handelt es sich um einen typischen Regiokrimi", sagt Eisele.

"Teilweise höhere Auflagen als so mancher Großverlag"

Klaus-Peter Wolf, mit seinem aktuellen Regionalkrimi "Ostfriesenschwur" auf Rang eins der "Spiegel"-Bestenliste Taschenbuch, sieht darin durchaus auch einen ökonomischen Aspekt: "Eine regional verortete ­Geschichte lässt sich naturgemäß im regionalen Umfeld bestens in die Verwertungskette bringen: lokale Buchhändler, lokale Medien und die dort ­lebenden Menschen werden sich um diesen Titel, der in ihrer Region spielt, bemühen." So sorge diese breit gefächerte lokale Verwertung für "teilweise höhere Auflagen, als so mancher Großverlag erreichen kann". Vor allem, wenn es sich um noch unbekannte ­Autoren handelt.

Spielt die Geschichte in einer touristisch hoch frequentierten Region wie Ostfriesland, gilt das offenbar in besonderem Maße. Was auch Armin Gmeiner, Verleger des in Baden-Württemberg ansässigen Gmeiner Verlags, so sieht. Neben den in einer Region ­lebenden Menschen zählt er auch "Urlauber und Touristen zur erweiterten Zielgruppe" des Regionalkrimis. Was vor allem dann gelte, wie Grusche Juncker, Programmchefin Bel­letristik des Reinbeker Rowohlt Verlags, sagt, wenn sie in einer "Urlaubs- oder Sehnsuchtsregion spielen". Was zumindest für den Alpenkrimi gelten kann.

Stadt und Land spielen also eine herausragende Rolle im Regionalkrimi, weshalb der vor Jahren geprägte ­Begriff des "neuen deutschen Heimatromans" durchaus seine Berechtigung hat. Und so ist am Regionalkrimi weniger seine literarische Qualität bedeutsam, sondern sein sozialpsychologischer Aspekt. Denn gerade in einer ­unübersichtlicher werdenden Welt bietet der Rekurs auf Heimat eine gewisse Orientierung: Die globalisierte Welt, die eher Bedrohung als Verheißung verspricht, wird eingedampft auf einen regionalen Kleinkosmos, der trotz Mord und Totschlag vor allem eines ist: überschaubar und verständlich.

Im Begriff "Heimatroman" schwingt natürlich eine herablassende Saite mit. Denn der Regionalkrimi spekuliert auf Gefühle, und er polarisiert. Kaum ein Autor möchte als Schreiber von Regionalkrimis gebrandmarkt werden. Das gilt vor allem auch für die großen Namen der Branche – sei es Nele Neuhaus mit ihren Taunus-Krimis, Jürgen Kehrer mit den in Münster angesiedelten Wilsberg-Romanen oder Jörg Maurer mit seinen Alpenkrimis, die ironisch mit den Klischees des ­Regionalkrimis spielen. Oder auch die Hamburgerin Simone Buchholz, deren stimmige Schilderungen des Kiez­milieus immer stringenter Handlungsführung und genauer Charakterzeichnung untergeordnet sind. Und Michael Kobr, der mit Volker Klüpfel millionenfach verkaufte, im Allgäu spielende Krimis mit dem Kommissar Kluftinger schreibt, sagt über Regionalkrimis: "Ich kann so was nicht lesen. Bücher mit Hirschgeweih und karierter Tisch­decke kann ich nicht mehr sehen."

Der Rowohlt Verlag erhält rund 200 Regionalkrimi-Manuskripte im Jahr

Besonders harsch geht so mancher Kritiker mit diesen Geschichten um – und scheut sich dabei nicht, Assoziationen an die dunkle deutsche Vergangenheit zu evozieren. Er trauere dem schönen alten Kohleofen nach, der auch ­bedrucktes Papier nicht verschmähte, stand kürzlich in einem Kritiker-Blog. Der Text handelte von Regionalkrimis.

Schlichten Provokationen einer derartigen Färbung stehen Millionen Leser gegenüber. Denn betrachtet man den Regionalkrimi als Subgenre des klassischen Kriminalromans, lässt sich konstatieren, dass kein anderer Trend die deutschsprachige Kriminalliteratur in den vergangenen Jahrzehnten stärker beeinflusst und dominiert hat. Was auf europäischer Ebene der skandinavische Kriminalroman ist, das ist der Regionalkrimi auf heimische Gefilde bezogen, in erster Linie allerdings quantitativ, leider nicht qualitativ.

So dokumentiert eine Analyse der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung, die 2013 auf der Leipziger Buchmesse veröffentlicht worden ist, einen starken Anstieg der Verkaufszahlen von Regionalkrimis: Waren es 2010 noch 4,2 Millionen verkaufter Exem­plare, so erhöhte sich die Zahl 2012 ­bereits auf 7,6 Millionen. Die Zahl der Käufer verdoppelte sich von 1,6 Millionen in 2010 auf 3,2 Millionen in 2012. Diese Zahlen belegen: Der Regiokrimi ist eine der größten und erfolgreichsten Marketingideen der Buchbranche.

Den Millionen von Regionalkrimi-Freunden scheint indes das reine Lesen nicht zu genügen. Sie greifen selbst zur Tastatur. So erhält etwa der Rowohlt Verlag rund 200 Regionalkrimi-Manu­s­kripte im Jahr. Für die Hobbyautoren ist das unterm Strich aber keine Sache mit Zukunft. "Veröffentlich wird von diesen Manuskripten im Schnitt höchstens eines im Jahr", sagt Juncker.

Kein Verlag mag und kann jedoch grundsätzlich auf diese Geschichten verzichten. Wenngleich innerhalb der Verlage eine gewisse Vorsicht Raum zu greifen scheint. "In letzter Zeit halten wir uns bei der Akquise ein wenig zurück, weil der Markt mittlerweile überschwemmt ist", sagt Piper-Frau Julia Eisele. Und Verleger Gmeiner mutmaßt, der klassische Regionalkrimi müsse sich auf Dauer "neu erfinden". Das Thema müsse mehr in den Vorderrund rücken. Nur so ließen sich "neue Reihenformate" entwickeln.

Gleichwohl wuchert nun seit gut 30 Jahren das Phänomen des Regionalkrimis in der bundesdeutschen Buchlandschaft. Und ein Ende dieser auf regionale Erlebniswelten fixierten ­Geschichten ist vorerst nicht in Sicht. "Erst wenn der letzte deutsche Lehrer und der letzte deutsche Journalist einen Regionalkrimi geschrieben haben werden, werdet ihr merken, dass man's auch übertreiben kann", schrieb schon vor einigen Jahren der dem Satirischen nicht ganz abgeneigte Autor Axel Hacke in der "SZ". Da wird man halt noch ein wenig warten müssen.

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