Schriftsteller

Jussi Adler-Olsen macht es sich zu einfach

Jussi Adler Olsen , aufgenommen im Oktober 2016, auf der 68. Frankfurter Buchmesse, in Frankfurt/Main (Hessen). [ Rechtehinweis: picture alliance ]

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Jussi Adler Olsen , aufgenommen im Oktober 2016, auf der 68. Frankfurter Buchmesse, in Frankfurt/Main (Hessen). [ Rechtehinweis: picture alliance ]

Sprachlich bewegt sich sein neuer Roman "Selfies" auf überschaubarem Niveau. Er wird es wohl dennoch in die Bestsellerlisten schaffen.

Es ist ein feuchtkalter Novembertag, als das Mädchen durch den Garten stapft, leicht ist es bekleidet, es friert. Nur weg von dem Haus, in dem sich die Erwachsenen streiten und herumschreien, das ist der einzige Gedanke. Worum geht es nur bei dem Streit? Und wo ist der Vater? Zuflucht findet das Mädchen in einem Raum, den es eigentlich nicht betreten darf, es ist das Heiligtum des Großvaters.

Da sitzt er und denkt zurück an die Zeit des großen Krieges, als er in Nazi-Uniform den Arm zum Gruß in den Himmel reckte, als er all die Menschen erschossen hatte, die seine Feinde waren. So dachte er damals, so denkt er noch heute.

Es ist eine eindringliche Szene, mit der Jussi Adler-Olsen seinen neuen Kriminalroman "Selfies" beginnen lässt: die Ängste des kleinen Mädchens, seine Ratlosigkeit, die gefühlskalte Welt der Erwachsenen, die Dorrit nicht verstehen kann. Ein starker Auftakt für Adler-Olsens siebten Roman mit seinem Ermittler Carl Mörck und dem Team des Sonderdezernats Q. Es soll allerdings die vorerst letzte geglückte Szene in dieser eher schalen Geschichte bleiben.

Gefangen in den Träumen von Glück und Geld

Gut 20 Jahre später ist aus der kleinen Dorrit die junge Frau Denise geworden, sie hat sich einen anderen Namen gegeben, ihre Lebensgeschichte hat sie dazu gedrängt. War Dorrit einst ein lebenslustiges Mädchen gewesen, so ist die Welt der Denise desillusioniert. Sie lebt mit ihrer alkoholkranken Mutter in einer schäbigen Wohnung, abhängig von Sozialhilfe und dem Geld ihrer Großmutter, für die sie nichts weiter ist als ein grell geschminktes Flittchen, das der Allgemeinheit zur Last fällt.

Auf dem Sozialamt lernt sie Michelle und Jazmine kennen, beide sind – wie Denise – ohne Job, ohne Perspektive, gefangen sind alle drei in ihren rosaroten Träumen von Glück und Geld, sie eint der Hass auf ihre biedere Sozialarbeiterin. Was sie nicht wissen: Die Frau vom Amt, die sich erhaben fühlt über ihre Klientel, hasst die in ihren Augen zu nichts nutzen Mädchen ebenso.

So geht sie erst einmal dahin, diese Geschichte dreier lebensuntüchtiger Mädchen, die so ereignisarm ist, dass sie auch auf wenigen Seiten zu erzählen gewesen wäre.

Ein wenig Spannung gewinnt die Story durch Carl Mörck und sein Team. Sie beschäftigt der lange Jahre zurückliegende Mord an einer Lehrerin, die aus bislang unbekannten Motiven erschlagen worden ist. Zudem gibt es bezüglich des Tathergangs Parallelen zum Tod des Großvaters von Denise, was sich aber erst im Fortgang der immer mehr Handlungsfäden aufnehmenden Geschichte herausstellt. Mörck und seine Mitarbeiter sind darüber hinaus in großer Sorge: Ihre Kollegin Rose hat existenzielle seelische Probleme, erneut muss sie sich in einer psychiatrischen Klinik untersuchen lassen.

Sprachlich auf eher überschaubarem Niveau

Dann ist Rose verschwunden, auf der Flucht vor ihrem Dämon, der die Gestalt ihres Vaters hat. Eine ambivalente, eine gebrochene, eine spannende Figur, der Adler-Olsen gegen Ende seines Romans noch eine sehr spezielle Rolle zuweisen soll. Währenddessen plant die Sozialarbeiterin ihren ganz persönlichen Rachefeldzug gegen all jene Schmarotzer, mit denen sie sich Tag für Tag herumschlagen muss. Wofür sie eine durchaus ungewöhnliche, wenngleich völlig abs­truse Methode wählt – sie tötet mit ihrem Kleinwagen. Doch auch die drei jungen Frauen der Generation "Selfie" haben Großes auf ihre Lebensagenda gesetzt. Irgendwie müssen sie an das richtige Geld gelangen und da kommt ihnen Michelles Freund, der als Türsteher in einer Disco jobbt, gerade recht.

So fügt sich eines zum anderen in dieser Geschichte und am Ende ergeben die einzelnen Puzzle-Steine gar ein recht einheitliches Bild. "Es scheint ja so, als würden plötzlich alle unsere Fälle zusammenhängen", lässt Adler-Olsen Mörcks Kollegen Assad dahinsinnieren. Das nun ist für jene Leser, die sich schon einmal einen anderen Kriminalroman zu Gemüte geführt haben, wahrlich keine Überraschung. Von einer solchen Dramaturgie lebt das Genre schließlich.

An derart schlichten Erkenntnissen mangelt es Adler-Olsens siebtem Mörck-Roman, der sich auch sprachlich auf eher überschaubarem Niveau bewegt, nicht. Der erneute Sprung an die Spitze der Bestsellerlisten wird dadurch nicht aufzuhalten sein.

Der Autor liest: Di 21.3., 20.30 Uhr, dt. Stimme Peter Lohmeyer, Schauspielhaus, Karten zu 16,50 in der Buchhandlung Heymann

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