Hamburg

Der inszenierte Fernseh-Sadismus

Psychiater Michael Schulte-Markwort über das "Dschungelcamp" und die Lust an den Qualen anderer

Hamburg. Alljährlich wird mit großem Erfolg das Dschungelcamp ausgestrahlt. 12 Menschen werden sogenannten Prüfungen ausgesetzt, hinter denen sich sadistische Aufgaben für die Protagonisten verbergen. Gerade war zu lesen, wie Thomas Häßler mit unüberwindbarem Brechreiz daran gescheitert ist, einen Cocktail aus pürierten Fischabfällen zu sich zu nehmen.

Ich kenne niemanden, der diese Sendung schaut (!). Eine Einschaltquote von über 40 Prozent belehrt mich, dass ich Menschen kennen müsste, die dem Dschungelcamp zu diesem Erfolg verhelfen, haben doch rund 7 Millionen Menschen im Alter von 14 bis 49 Jahren zugeschaut. Ich selber habe sie noch nie gesehen. Der Bericht über Thomas Häßler und sein "Scheitern" ruft mich dazu auf, mich zu Wort zu melden.

Sadismus ist eine Verhaltensweise, die ihren Lustgewinn daraus erzielt, andere Menschen zu quälen. Das Erleben, wie jemand anderes durch mein Zutun leidet, führt zu unmittelbarer Aggressionsabfuhr und Lustgewinn. Wie so vieles Menschliche kommt dieses Phänomen mindestens in verdünnter Form bei jedem Menschen vor. Eine milde Form ist der Witz, der sich der Schwäche eines Menschen oder einer Gruppe, einer Kultur oder Gesellschaft bedient. Die meisten Witze sind außerordentlich aggressiv bis sadistisch. Sie sind insofern reifer als das unmittelbare Quälen eines Menschen, als sie in der Regel niemanden persönlich treffen. Die nächste Steigerungsstufe kann das Auslachen und Vorführen eines Menschen sein, dabei wird für den Betroffenen unmittelbar spürbar, wie aggressiv oder auch sadistisch die Aktion anderer Menschen war. Die seelische Verletzung kann leicht wegzustecken sein, sie kann aber auch je nach Ausmaß der primären Aggression zu Traumatisierungen führen. Die Steigerung geht weiter bis hin zu Foltermethoden in Gefängnissen, Konzentrationslagern und im Rahmen von Kriegsereignissen.

Im Erfolg des Dschungelcamp bildet sich der voyeuristische Sadismus von Millionen deutscher Zuschauer ab. Ein Mensch, der seelisch nicht darauf angewiesen ist, andere Menschen zu quälen, wird sich von dieser Sendung angewidert abwenden. Ein Mensch, der diesen Sadismus nicht unterstützen möchte, wird nicht als Kandidat antreten, sei er noch so geldabhängig. Wenn Millionen Deutsche ihren mehr oder weniger heimlichen Sadismus wiederkehrend vor dem Fernseher ausleben, indem sie zuschauen, wie in diesem Fall Thomas Häßler scheitert, dann müssen sie sich der Zuschreibung ihres Sadismus stellen.

Ist es nun nicht viel besser, wenn diese Millionen ihren Sadismus durch Zuschauen ausleben als durch direktes Ausleben? Natürlich. Aber in diesem aufgeklärten Land gelten andere als sadistische Grundwerte, was wir auch in unser Grundgesetz geschrieben haben. Unseren Patientenkindern bringen wir immer bei, dass die eigene Grenze des Zumutbaren natürlich auch automatisch die Grenze jedes anderen Menschen ist. Davon auszugehen und sich damit zu trösten, dass die Kandidaten alles freiwillig und sogar gegen Bezahlung über sich ergehen lassen, verdreht die Welt: Einem masochistischen Menschen bei quälenden Grenzüberschreitungen gegen sich selbst zuzuschauen, bleibt sadistisch. Das Überstehen des Camps als Erfolg zu feiern, ist lediglich eine Steigerung dieses Sadismus.

Auch, wenn es hart und vielleicht auch kinder- und jugendpsychiatrisch übertreiben erscheint: Ich erwarte von meinen Mitmenschen, dass sie ihren täglichen – auch den kleinen und geheimen – Sadismus unter Kontrolle haben und lieber an sich selbst ausleben. Viele Fitnessklubs bieten hierfür beispielsweise eine Menge Möglichkeiten. Meine Bitte: Schalten Sie ab und beweisen Sie den Fernsehmachern, dass sie mit ihrem ausgelebten und inszenierten Sadismus allein sind!