Hamburg

Denkwürdiger Auftritt einer Piano-Legende

Nach Liszts Es-Dur-Konzert bejubelt: Pianistin Martha Argerich und Dirigent Ion Marin in der Laeiszhalle

Foto: Roland Magunia

Nach Liszts Es-Dur-Konzert bejubelt: Pianistin Martha Argerich und Dirigent Ion Marin in der Laeiszhalle

Martha Argerich und die Symphoniker Hamburg wurden in der Laeiszhalle mit Standing Ovations gefeiert.

Hamburg.  Die Popularität eines Künstlers wird gerne an der Dauer und der Lautstärke des Applauses bemessen, der sein Auftreten begleitet. Dabei wäre absolute Stille der viel bessere Maßstab. Beim Haspa-Neujahrskonzert der Symphoniker Hamburg am Sonntag in der Laeiszhalle trat solch ehrfürchtige Stille am Ende der ersten Umbaupause ein. Dvořáks "Karneval" war schmissig absolviert, der Flügel für das folgende Stück auf die Bühne geschoben worden, und die Musiker saßen wieder auf ihren Plätzen. Gut eine Minute lang hätte man nun die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören können, denn ein ganzer Saal hielt förmlich den Atem an in Erwartung der Musikerin, die gleich auftreten sollte: Martha Argerich.

Zum Auftakt des Abends hatte Symphoniker-Intendant Daniel Kühnel zuvor schon mit einer Ansprache die Erwartungshaltung kunstgerecht geschürt. Kühnel erinnerte an den "Mythos Argerich", nannte die Pianistin die "Steigerung einer lebenden Legende" und ließ den angeblich so steifen Hanseaten gar keine andere Wahl, als "La Argerich" schon mit Standing Ovations zu begrüßen. Urteilt man nach ihrem Äußeren, hat die Argerich auf den "Mythos Argerich" und den Status einer Diva aber absolut keine Lust; ihr Auftritt ist jedenfalls geradezu provokant unglamourös.

Auch vieles, was über sie zu lesen ist, führt eher in die Irre: Wer vom "Vulkan" und der "Tastenlöwin" – wahlweise auch "-tigerin" – liest, der erwartet einen Auftritt, wie ihn die glutäugigen Epigoninnen hinlegen, die ihren Mythos so gerne nachspielen. Doch wie sich in Argerichs Paradestück, dem Es-Dur-Konzert von Liszt zeigte, ist weder effekthascherisches Oktavengedonner noch sehnsüchtiges Schmachten ihre Sache. Es ist eine einzigartige Verbindung aus Kraft und Leichtigkeit, die ihr Spiel ausmacht. Dort, wo es um Timing und rhythmische Präzision geht, wie im Triangel-begleiteten Allegretto viavace von Liszts Konzert, scheint die Argerich am meisten in ihrem Element zu sein. Und das Publikum honorierte dies am Ende nochmals mit lang anhaltendem, stehenden Applaus, dessen Lautstärke fast so eindrücklich war, wie die Stille zu Beginn.

Ion Marin, der Erste Gastdirigent der Symphoniker, wirkt mit seiner eher zurückhaltenden Körpersprache und der kaum vorhandenen Mimik stets etwas distanziert. Doch die Musik von Brahms ist ihm offenbar ganz nahe. Jedenfalls verstand Marin sich bestens darauf, in Brahms' ebenso leidenschaftlicher wie spröder Erster Symphonie Feuer unterm Kessel zu machen und zugleich oben streng den Deckel draufzuhalten. Klug die Spannung dosierend steuerte Marin die Musik so auf die wenigen, ungebrochenen Höhepunkte, das Hornthema im Finale und den letzten, erhabenen Einsatz des Chorals in den Blechbläsern, zu.

Hatten die Symphoniker sich bei Brahms' Symphonie von ihrer besten Seite gezeigt – allen voran der Solo-Hornist und der Solo-Klarinettist – präsentierten sie sich bei ihrer Zugabe zusammen mit den Nachwuchsmusikern des Felix Mendelssohn Jugendorchesters von ihrer sympathischsten Seite.

Dieses Neujahrskonzert der Symphoniker Hamburg war zugleich das letzte Orchesterkonzert in der "Laeisz­halle-alleine-Ära", wie Kühnel sie nannte. So wird man dieses Konzert wohl als Ansage und Signal für das Hamburger Musikleben verstehen müssen: Auch wenn in dieser Woche der Hype um die Elbphilharmonie Fahrt aufnimmt, in der Laeiszhalle wird man weiterhin sehr gute Musik hören können.