Film im Abbaton

"Manche hatten Krokodile" – Liebeserklärung an St. Pauli

Regisseur Christian Hornung mit Produzenten Andrea Schütte und Dirk Decker (von links) bei der Premiere im Abaton

Foto: Irene Jung

Regisseur Christian Hornung mit Produzenten Andrea Schütte und Dirk Decker (von links) bei der Premiere im Abaton

In Christian Hornungs Film spielen die Menschen des Viertels die Hauptrolle. Eine Milieustudie über St. Paulis letzte Rückzugsgebiete.

Hamburg.  Lotti, 1931 auf St. Pauli geboren, ist gelernte Fotolaborantin, blieb dann aber in der Kiez-Gastronomie hängen, weil man dort mehr verdiente. Jimmy ist 1973 aus der DDR "durch die Elbe in den Westen geschwommen" und dann zur See gefahren. Julia hat als Tänzerin auf dem Kiez "in zehn Läden gearbeitet, die es heute nicht mehr gibt". Alle drei sind Stammgäste im "Utspann" in der Talstraße und zusammen im Sparclub. Man kennt sich seit Jahren. Drumherum tobt die Gentrifizierung - "hier lebt noch ein besonderer Menschenschlag" , sagt Lotti.

Dieser besondere Menschenschlag spielt die Hauptrolle in Christian Hornungs Film "Manche hatten Krokodile", der am Donnerstag im Abaton-Kino Premiere feierte: eine Milieustudie über St. Paulis letzte Rückzugsgebiete. In Raucherkneipen wie "Utspann", "Kaffeepause" oder "Hong Kong Bar" treffen sich alte Seefahrer und Tänzerinnen, pensionierte Transen, Kellnerinnen und Wirtschafter. Einige der Protagonisten waren zur Premiere gekommen – und amüsierten sich sichtlich.

Zwei Jahre lang hat Hornung in den Kneipen recherchiert

Es ist eine kleine, schlichte Parallelwelt, die zwischen Touristen- und Partylokalen überhaupt nicht auffällt und auch nicht auffallen will. Jeder hat hier so seine Marotten. Mancher hält sich schweigend stundenlang am Bier fest. Andere Stammgäste helfen beim Saubermachen. Heinzi zum Beispiel versorgt fast jeden Tag das Kaninchen ("Robbi"), das in einer Baulücke an der Hein-Hoyer-Straße lebt, mit Salat und einer Tupperdose Wasser.

Zwei Jahre lang hat Hornung in diesen Kneipen recherchiert und hunderte Stunden an Tresen verbacht hat. Denn hier wird viel erzählt: von den goldenen Zeiten in den 70er und 80er Jahren, als nicht nur die Zuhälter und ihre Mädchen, sondern auch das Amüsierpersonal noch viel Geld verdienen konnten. Und als die Seeleute ihre Heuer hier gern unter die Leute brachten. Von dem Geld ist nicht viel geblieben, nur die Leute sind noch da. Seine alten Kumpels, erzählt zum Beispiel Frank, hätten als Zuhälter damals "Millionen gemacht" und müssten heute fragen, ob man ihnen einen Kaffee ausgibt. Die Zahlen muss man nicht wörtlich nehmen. Aber: "Wie gewonnen, so zerronnen."

Sparclubs sind für viele alte Paulianer fast die einzige Vorsorge

Die Idee mit dem Sparclub als rotem Faden entstand erst bei der Recherche, sagt Hornung. Während andere St. Pauli-Filme die wilden Rotlichzeiten ("St. Pauli Zoo") oder die Gentrifizierung zum Thema machen ("buy buy St. Pauli"), hält sich Hornung konsequent an das Zerronnen-Milieu zwischen Gücksspielautomat und Sparschrank - beide hängen in vielen der alten Anwohnerkneipen dicht nebeneinander. Wer Geld beim Spiel gewinnt, stopft einen Teil gleich in den Schlitz seines Nummernfachs. Dann kommt das Geld gar nicht erst in die Grabbel. Sonst ist es ja gleich wieder weg.

Sparclubs sind für viele alte Paulianer fast die einzige Vorsorge. Jede Woche werden die Fächer geleert, die Kassierer notieren den Betrag jedes Sparers in einem Buch und bringen das Geld zur Bank. Um die Weihnachtszeit wird dann ausgezahlt. Einmal ist der Kassierer mit den Jahreseinnahmen verschwunden, erzählt Marietta, die Wirtin der "Hong Kong Bar". Der darf sich auf St. Pauli nie mehr blicken lassen.

Film öffnet Blick in Schicksale und Lebensirrtümer

Wer spart, redet über Geld, über Lebenslust und Sicherheitsbedürfnis, über Leichtsinn und den Preis, den man dafür gezahlt hat. Und so öffnet der Film einen Blick in Schicksale, Erlebnisse und Lebensirrtümer, die zu St. Pauli gehören wie Astra und Kümmerling. Etwa wenn die " schwerste Stripperin St. Paulis" von ihren Anfängen berichtet. Oder wenn Jimmy erzählt, wie sie als Matrosen beinahe mal Schlangen, Krokodile und einen Baby-Ozelot aus Brasilien mitgebracht hätten. " Das ist eine aussterbende Art", sagt der Filmemacher Hark Bohm, einer der Premierengäste, und meint nicht den Ozelot.

Derweil zeigt der Film auch, wie diese kleine Welt längst in die Brüche geht. Draußen werden Kneipen wie "Lucky Star" und "Kiek ut" abgerissen, das alte Safari hat dichtgemacht. Auf dem leeren Grundstück an der Ecke Hein-Hoyer-Straße/Reeperbahn ist ein Hotel geplant. Was wird dann eigentlich aus Robbi?

Aktion Kinopatenschaften

Möglichst viele Paulianer sollen den Film sehen können. Dafür hat die Tam-tam Film GmbH, die "Manche hatten Krokodile" produziert hat, die Aktion Kinopatenschaften organisiert: Lokale Unternehmen wie Haspa, Salzbrenner Würstchen, Spielbudenplatz Betreibergesellschaft und die Olivia Jones-Familie finanzieren Kinokarten, die von sozialen Einrichtungen auf dem Kiez vergeben werden (u.a. von GWA, Elbwerkstätten, Seemannsheim Krayenkamp, St. Pauli Kirche, CaFée mit Herz). Wer die Aktion unterstützen will: Tamtam Film, Tel. (040) 325 22 33 13, www.tamtamfilm.com

"Manche hatten Krokodile", am 15.11., 20 Uhr (mit Christian Hornung und Gästen), 5.12., 20 Uhr, 18.12., 11 Uhr; Abaton Kino, Allendeplatz 3

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