Konzerte in Hamburg

Boulanger Trio: Bei Wein und Käse Musik entdecken

Birgit Erz (v. l.), Ilona Kindt und Karla Haltenwanger haben das Konzertformat „Boulangerie“ entwickelt

Foto: Boulanger Trio

Birgit Erz (v. l.), Ilona Kindt und Karla Haltenwanger haben das Konzertformat „Boulangerie“ entwickelt

Das Hamburger Trio lädt regelmäßig zu einer so ungewöhnlichen wie anregenden Konzertreihe.

Hamburg.  Liefe die Veranstaltung im Fernsehen, dann hieße sie womöglich "Das kompositorische Quartett": Drei Musikerinnen sitzen mit einem Gast in einer Runde und unterhalten sich mit ihm eloquent und charmant über ihn und sein Werk. Zwischendurch spielen sie.

Dies ist aber keine neue Talkshow. Dies ist die "Boulangerie", wie die drei Damen vom Boulanger Trio ihren Salon nennen. Die Werkauswahl trifft der eingeladene Komponist, es erklingen jeweils Werke aus seiner Feder und solche aus dem angestammten Repertoire für Klaviertrio. Am Schluss bitten die Künstlerinnen die Anwesenden zu Wein und Käse.

An diesem Donnerstag tagt die "Boulangerie" mal wieder im Resonanzraum. Zu Gast ist die hochdekorierte österreichische Komponistin Olga Neuwirth. Sie hat sich Stücke von Ernest Bloch und Edvard Grieg ausgesucht, dazu spielen die Musikerinnen Werke von Neuwirth für Geige und Klavier sowie für Cello solo und Klavier solo. Kein Klaviertrio, das harrt noch seiner Uraufführung durch die Boulangers, später, in Wien.

"Unser Konzept ist, dass die Leute mit uns den Komponisten kennenlernen, den Menschen, der hinter der Musik steht. Der interessiert uns ja genauso", sagt die Geigerin des Trios, Birgit Erz, über die "Boulangerie". "Wenn man den Menschen kennt, ist die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, viel größer."

Beschäftigung mit Neuer Musik

Erz und ihre Mitstreiterinnen Karla Haltenwanger (Klavier) und Ilona Kindt (Cello), jede für sich eine ausgezeichnete Interpretin, haben einzeln und gemeinsam zahlreiche Preise nach Hause getragen – wo übrigens auf jede von ihnen zwei Kinder warten; gute Organisation und ein belastbares Netzwerk brauche es schon, sagt Erz. Zu hören ist es bei ihren Konzerten nie, wie anstrengend der Spagat zwischen Kunst und Familie sein kann. Wolfgang Rihm (das ist der, der zur Eröffnung der Elbphilharmonie das Auftragswerk "Reminiszenz" beisteuert) bedankte sich nach einem Konzert: "So interpretiert zu werden ist wohl für jeden Komponisten ein Wunschtraum." Und ein begeisterter Kritiker hat die drei gar schon als Erbinnen des weltberühmten Beaux Arts Trios ausgerufen.

Anders als beim Beaux Arts Trio gehört für sie allerdings die Beschäftigung mit Neuer Musik zum Kern ihres künstlerischen Profils. Mit dem Ensemblenamen ehren die Musikerinnen die französischen Schwestern Nadia und Lili Boulanger. Beide waren Komponistinnen. Lili starb schon 1918 mit 24 Jahren und hinterließ ein schmales, aber wegweisendes Œuvre. Nadia wiederum hat die zeitgenössische Musik bis zu ihrem Tod 1979 über Jahrzehnte mitgeprägt, zu ihren Schülern gehörten Astor Piazzolla, Philip Glass und auch Daniel Barenboim. Jeden Mittwoch gab sie Theoriestunden in ihrer Pariser Wohnung. Da kamen nicht nur ihre Studenten, sondern auch andere Künstler, und hinterher gab es Tee und Gebäck. Die Studenten nannten diese Institution so liebevoll wie beziehungsreich "Boulangerie" (das französische Wort für "Bäckerei").

Riege bedeutender Komponisten

Den Rang des Boulanger Trios zeigt auch die Riege bedeutender Komponisten, die die Einladung zur "Boulangerie" angenommen haben. Toshio Hosokawa war da, ein führender Vertreter der zeitgenössischen japanischen Musik, dessen Oper "Stilles Meer" Anfang des Jahres an der Staatsoper uraufgeführt wurde. Der Doyen der Neuen Musik in Österreich, Friedrich Cerha, hat mit ihnen vor Publikum geplaudert, und im Juni kommt die gefeierte Finnin Kaija Saariaho.

Seit 2012 leisten die drei sich die "Boulangerie" in Hamburg und im Berliner Radialsystem. Inzwischen haben sie die Reihe, dank der Hilfe der Alban Berg Stiftung, sogar in den Wiener Musikverein exportieren können. Und seit die drei von der etwas abseits gelegenen Kulturfabrik Kampnagel in den Resonanzraum umgezogen sind, entwickeln sich die Besucherzahlen prächtig.

"Der Raum ist perfekt für uns, auch mit der Bar", sagt Birgit Erz. "Der klingt toll, ist sehr flexibel und hat eine tolle Atmosphäre." Über einen Umzug in die Elbphilharmonie nachzudenken sieht sie zurzeit keinen Grund. "Wir wollen ja mit dem Publikum gemeinsam etwas entdecken. Für uns funktioniert das besser in einer intimen Atmosphäre", sagt Erz. "Da kommen Leute, die noch nie mit Neuer Musik in Berührung waren, und die finden das alle spannend." Man findet aber auch nicht jeden Tag ein Ensemble dieses Niveaus, das dem Publikum Neue Musik so unangestrengt wie kenntnisreich nahebringt und es teilhaben lässt an dem knisternd intensiven Kontakt, der beim Musizieren entsteht.

Kammer-Musik eben. Selten wird das Wesen des Genres so fassbar.

Boulangerie Do 10.11., 19.00, Resonanzraum, Feldstr. 66, Karten (inkl. Büfett) 18,-/11,-

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