Premiere

Jubel für die ideal gekoppelte Doppel-Oper

Die Sänger Claudia Mahnke als Judith und Balint Szabo als Blaubart "Herzog Blaubarts Burg"

Foto: Markus Scholz / dpa

Die Sänger Claudia Mahnke als Judith und Balint Szabo als Blaubart "Herzog Blaubarts Burg"

Einhellig feierte das Premierenpublikum Péter Eötvös' "Senza Sangue" und Béla Bartóks "Herzog Blaubarts Burg" in der Staatsoper.

Hamburg.  Es ist die älteste Geschichte der Menschheit: Treffen sich zwei. An der Staatsoper ist nun ein Doppelabend aus zwei Werken herausgekommen, die sich genau darauf konzentrieren: Péter Eötvös' Oper "Senza Sangue" und "Herzog Blaubarts Burg" von Béla Bartók. Keine weiteren handelnden Figuren, kein Pomp, nur Essenz. Eötvös' Einakter, uraufgeführt 2015, lässt sich ideal mit Bartóks Oper koppeln. Die ist zwar ein moderner Klassiker des Repertoires, mit knapp einer Stunde Spielzeit für die Bedürfnisse des Betriebs jedoch recht kurz.

Wie inhaltlich und dramaturgisch vollendet sie ist, das führen der Regisseur und Bühnenbildner Dmitri Tcherniakov und Eötvös am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters furios vor. Im Libretto der Oper bringt der alternde Herzog Blaubart seine junge Frau Judith auf seine finstere, feuchte Burg. Tcherniakov aber verlegt die Handlung in ein Hotelzimmer, mithin ins Innere der Figuren.

Das Orchester schwärmt und schäumt

Die Burg steht für Blaubarts grimmig verschlossene Seele. Judith will Licht in die düsteren Mauern bringen, sie verlangt, sieben ihr verschlossene Türen zu öffnen, und steigert sich dabei in furchterregende Eifersucht. Wie Claudia Mahnke als Judith und Bálint Szábo als Blaubart zwischen Daunenkissen und Nachttischlampen um jede einzelne Tür, pardon, Seelenkammer Blaubarts ringen und dabei wund werden, einander mal nahe kommen und dann wieder fast zerstören, das ist geradezu schmerzhaft glaubwürdig gesungen und gespielt. Und das Orchester schwärmt und schäumt und klagt mit ihnen, nur hin und wieder ist der Bläsersatz nicht ganz zusammen.

Vor diese archaischen Szenen einer Ehe nun setzt Tcherniakov die von Eötvös vertonte Begegnung zwischen zwei älteren Leuten. Die Frau findet den Mann auf einer novembernebligen Straßenkreuzung, und nach ein paar ungelenken Sätzen willigt er ein, mit ihr etwas trinken zu gehen.

Vor Jahrzehnten haben drei Männer in einem Bürgerkrieg einen Mann in dessen Haus massakriert. Der jüngste der drei hat unter einer Falltür ein kleines Mädchen entdeckt. Er war schon im Begriff, auch das Kind zu erschießen, da drehte es den Kopf und sah ihm in die Augen. Er ließ ab.

Seither hat die Frau die Mörder ihres Vaters gesucht und dabei eine ziemliche Blutspur hinterlassen. Den Mann hat der Gedanke an das Mädchen in seinen Albträumen begleitet. Das erzählen sie einander, stockend. Emotional aber geschieht nichts zwischen ihnen, schon die gleichbleibend temperierten Gesangspartien verraten es.

Musik mit bisweilen widerborstigem Eigenleben

Der Bariton Sergei Leiferkus stellt die innerliche Erstarrung des alten Mannes bis in den Stimmklang hinein glaubwürdig dar. Angela Denoke singt die Frau mit ihrem dunkel und warm timbrierten Sopran, aber der Gestus bleibt fast durchgehend lyrisch. Selbst wo die Figur doch einmal aus sich herausgeht, wirkt Denoke, als wäre sie im Italienischen gehemmt. Als alles gesagt ist, fragt die Frau den Mann ganz schlicht, ob er mit ihr schlafen würde. Das könnte eine Erlösung sein, ein Happy End womöglich. Aber nicht bei Eötvös. Die Beklemmung bleibt.

Seine Musik führt ein bisweilen widerborstiges Eigenleben. Was da alles wallt und wabert und sich in vertrackten Rhythmen verschlingt, bleibt seltsam unverbunden mit dem, was sich zwischen den Protagonisten ereignet. Ein kaltes Feuer lodert da, selbst in den Ausbrüchen. Es spricht für die Komposition, dass sie sich nicht an Bartóks affektgeladene Sprache anzulehnen sucht, sondern ihre ganz eigene Tonlage findet. Wenn jemand berufen ist, an ein Meisterwerk wie den "Blaubart" etwas anzubauen, dann ist das schließlich Eötvös, Landsmann Bartóks und ein arrivierter Komponist der Gegenwart.

Ein eindringlicher Opern-Abend

Schwach wirkt das Doppelpack nur da, wo es einen Zusammenhang zwischen den Werken behauptet. Die Stirnwunde der Männer und die schwarzgefärbte Strähne der ergrauten Damen zeigen, dass die Figuren dieselben sind; eine Videoprojektion suggeriert, dass Eötvös' Paar sich zum Beischlaf nahtlos in das Blaubart-Hotelzimmer bewegt. Wozu brauchen wir den Selbstmordversuch des Mannes für die folgende Blaubart-Geschichte? Auch das Video, das ganz am Schluss, wenn Blaubart und Judith erschöpft unter ihrer riesigen Bettdecke liegen, den Bogen zurück zu dem Augen-Blick an der Falltür schlägt, ist ohne weiteren Erkenntniswert.

Ein Abend zum Nachdenken war es trotzdem, ein eindringlicher Abend. Einhelliger, buhfreier Jubel vom Premierenpublikum.

Weitere Vorstellungen: 9.,15., 19., 23., 26. und 30.11., jeweils 19.30 Uhr, Staatsoper. Karten zu 6,- bis 97,- (sonnabends 7,- bis 119,-) unter Tel. 35 68 68

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.