Hamburg

Staatsoper-Saisonauftakt: Der Zauber ging schnell flöten

Viel Licht, viel Schatten: Monostatos (Dietmar Kerschbaum, l.), Pamina (Christina Gansch) und Papageno (Jonathan McGovern) in Jette Steckels Version von Mozarts „Zauberflöte“

Foto: Bodo Marks / dpa

Viel Licht, viel Schatten: Monostatos (Dietmar Kerschbaum, l.), Pamina (Christina Gansch) und Papageno (Jonathan McGovern) in Jette Steckels Version von Mozarts „Zauberflöte“

Die Mozart-Inszenierung von Jette Steckel an der Staatsoper war ein verstolperter Saisonauftakt. Es bleibt bei fremdeln statt zaubern.

Hamburg.  Es gibt ja auch sehr viele hörenswerte Einspielungen von dieser Oper, und: Die vielen LED-Vorhänge auf der Bühne machten mächtig Eindruck; schon toll, was damit alles möglich ist. Viel mehr wäre eigentlich nicht zu der erwartungsvoll besuchten Premiere am Freitag zu sagen, würde es sich um Randrepertoire an einem Regionalliga-Opernhaus handeln und könnte man das Gesehene und Gehörte (vielmehr: das eben nicht Gesehene und leider nicht ­Gehörte) als lässlichen Ausrutscher abheften. Aber: Hamburg. Staatstheater. Staatsoper. Mozart. "Zauberflöte". Saisonstart zudem, eine Neuinszenierung als Ablösung für die mehr als 30 Jahre alte, rechtschaffen betagte Version von Achim Freyer, mit der Generationen von Publikum an der Dammtorstraße groß und womöglich zu Opern-Liebhabern geworden sind.

Höher kann man sich die Messlatte also kaum hängen. Um so enttäuschender, dass sich ausgerechnet Jette Steckel, die als Sprechtheater-Regisseurin viel Renommee zu verlieren hat, mit dieser ambitionierten Musiktheater-Arbeit so sehr ins Ungefähre, Unklare, Ungenaue und Unnötige setzte. Es ­beginnt mit einem schon leicht grenzwertigen Einfall, mit einem älteren Herrn in Reihe 1, der offenbar kollabiert, während die Ouvertüre noch lauwarm abschnurrt, stumme Betroffenheit im Parkett, Sanitäter kommen, aber dann doch: alles nur Theater, es ist Tamino Senior. Er wird auf die Bühne gehievt und in einen laserbelichteten Zeittunnel geschoben, in dem er, "2001" lässt grüßen, sogleich flott reinkarniert und die Geschichte von vorn beginnt, oder aber auch nur als finale Rückblende eines sterbenden Geistes. Von nun an ist hier einiges möglich, denn die Regeln der Logik gelten nur noch bedingt.

Tamino und Papageno, warum auch immer von fußballspielenden Nonnen aufgezogen, also erst Baby, dann Kinder, Teenager, Männer, der eine brav, der andere Dreadlocks. Wo sie sind, vor ­allem: Warum sie so sind? Ob sie recht haben mit ihren Ideen für die Suche nach Glück, Aufklärung, Weisheit, Moral und Liebe und was auch immer oder nicht? Das sagt einem schnell, sehr schnell das viele viele Licht ... auch nicht. Denn eine weitere Hauptrolle, nur ohne Singen, hat in Steckels Inszenierung eine Lichterwand aus LED-Vorhängen, das Update zu einem Regie-Einfall für eine packende "Romeo und ­Julia"-Inszenierung am Thalia.

Hier jedoch packt einen leider praktisch nichts, weil nur zwei Missstände zusammenkommen und sich hochschaukeln: Steckel zeigt nicht, warum wohin mit der eigentlichen Moral der Geschichte – und überlässt deswegen die dramaturgische Raumfüllung ihrer größten Requisite. Die blinkt, projoziert und zaubert so unentwegt Gesichter, Sternnschnuppen, Regen, flirrende Wirbel und dies, das oder jenes, dass sich der Aha-Effekt ziemlich schnell abnutzt und im zweiten Aufzug einige der unbeflackerten Szenen die aufrichtigeren sein werden.

Das Singspiel zieht sich, wenn nicht ­gesungen wird

Die Riesenpixel-Königin der Nacht schleudert ihre Koloraturen aus dem Off durchs Dunkel, ein Priester (ein ­Sarastronaut, höhö, womöglich?) schwebt durch eine All-Simulation, später, im Tempel, schweben die Priester in der Höhe wie meditierende Yogis. Alles mächtig bunt da. Glockenspiel und Zauberflöte sind tragbare Leuchtpfeile. Viel los, und doch passiert zunächst nichts, was die Geschichte neu, anders, anrührend entdecken lässt oder eine erhellende Idee oberhalb des unschönen Drangs zum Pointenraushauen erkennen ließe.

Bei "Das klinget so herrlich" wird das Publikum im erleuchteten Saal zum Mitsingen animiert, als säße man ­unfreiwillig und lustlos in einer Schulaula, dem ruppigen Kasernenton eines Musiklehrers ausgeliefert. Monostatos, hier ein schmierlappiger Conferencier-Verschnitt von der "Cabaret"-Resterampe, fällt beim Publikumsbepöbeln, warum auch immer, ins Wienerische. Wenig später klappt er Micky-Maus-Ohren hoch. Warum auch immer passiert sehr viel im Laufe dieses Singspiels, das sich dann besonders zieht, wenn nicht ­gesungen wird.

Eher wenig passiert dagegen im Graben. Dort müht sich der Alte-Musik-Spezialist Jean-Christophe Spinosi, von Haus aus eigentlich ein versierter Aufmischer und Feinmechaniker beim ­Umgang mit Partituren, mit erschütternder Unverbindlichkeit daran ab, ­jenen Rest-Philharmonikern, die nicht mit gerade ihrem Chef Kent Nagano auf Tournee-Dienstreise nach Südamerika ­gegangen sind, und vielen Aushilfen einen halbwegs interessanten Mozart-Ansatz abzuringen. Doch es bleibt bei fremdeln statt zaubern; zwei Welten, die Bühne und die Musik, trudeln und trödeln mitunter aneinander vorbei.

Auch das Ensemble auf der Bühne muss bald den Kürzeren ziehen. Man hört fast allen an, wie schwer das Leichte bei Mozart ist. Einzig Jonathan McGovern, als Papageno stimmlich ebenso überzeugend wie als Darsteller, und Christina Gansch als eine Pamina mit Potenzial bereiten Vergnügen bei ihren Auftritten. McGovern blüht bei seinen Arien auf, ist präsent und mehr als eine dieser Schablonen, zu denen die meisten anderen Charaktere formatiert wurden. Sowohl der Sarastro von Andrea Mastroni als auch der Tamino von Dovlet Nurgeldiyev stehen erst am ­Anfang der Rollendurchdringung. Die ordentlich bestandene Königin der Nacht von Christina Poulitsi bekommt, wie es sich gehört, ihren Szenenapplaus.

Dennoch bleibt am Ende der Eindruck eines Ensembles, das in seiner Gänze weniger ist als die Summe seiner Teile. Stimmen zum Niederknien, unendlich lange Minuten zum Merken sind eher nicht dabei.

Nachdem alles vorbei war und vieles überstanden, brach eine wilde ­Mischung aus wütenden Buh-Rufen und trotzigem Gegen-Beifall aus, als Jette Steckel auf die Bühne kam. Man könnte das als positives Signal dafür werten, dass Oper als Herzensangelegenheit nun mal entsprechend heftige Leidenschaften auslösen kann und soll. Aber auch als Omen, dass diese Inszenierung wohl vor allem wegen der ­Musik einen Stammplatz im Repertoire-Sortiment der Staatsoper haben wird.

Nächste Vorstellung: 27.9., 19.00 Uhr. Weitere Infos: www.staatsoper-hamburg.de

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