Schauspielhaus

Eröffnungspremiere: Im Würgegriff der Angst

Julia Wieninger, Yorck Dippe, Michael Wittenborn, Josefine Israel, Sachiko Hara, Sayouba Sigué, Kate Strong und Angelika Richter (v.l.) in "Hysteria - Gespenster der Freiheit"

Foto: Christian Charisius / dpa

Julia Wieninger, Yorck Dippe, Michael Wittenborn, Josefine Israel, Sachiko Hara, Sayouba Sigué, Kate Strong und Angelika Richter (v.l.) in "Hysteria - Gespenster der Freiheit"

Karin Beier inszenierte das Drama "Hysteria" am Schauspielhaus als Mischung aus politischem Statement und popkulturellem Entertainment

Hamburg.  Mit Plakaten zum Thema Flucht wirbt das Schauspielhaus aktuell in U-Bahn-Stationen, "Flucht ins Private", "Flucht in den Glauben", "Flucht in den Wohlstand".

Von Wohlstand jedenfalls ist die Welt in der Eröffnungspremiere "Hysteria – Gespenster der Freiheit" durchaus geprägt: ein rundumverglaster Bungalow, in den sich eine Kleinfamilie nach längerem Auslandsaufenthalt zurückgezogen hat, ein Wohlstandswürfel mit frei stehender Küchenzeile, Regenwalddusche und langer Tafel, an der die Housewarming-Party stattfinden soll (Bühne: Johannes Schütz).

Aber Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier macht schon in den ersten Minuten ihrer Inszenierung klar, dass es keine Party geben wird: Vater Robert (Yorck Dippe) reinigt putzzwanghaft die Glasfronten, Tochter Lucy (Josefine Israel) spießt sich Häppchen mit dem Springmesser auf, die hochschwangere Mutter Linda (Julia Wieninger) ahnt aufziehendes Grauen. Und im Wald vor dem Fenster zirpen nicht nur Grillen lieblich, da wummert auch etwas dumpf bedrohlich vor sich hin.

Beier hat "Hysteria" "nach Motiven von Luis Buñuel" modelliert. Freilich sind diese Motive nur in Bruchstücken vorhanden, der titelgebende Episodenfilm "Das Gespenst der Freiheit" (1974) wird insofern zitiert, dass hier wie dort Aktionen keine nachvollziehbaren Folgen haben und sich die Handlung trotz ihres bürgerlichen Settings immer weiter ins Absurde schiebt. Und das Motiv einer in den Horror kippenden Abendgesellschaft taucht in Buñuels "Der Würgeengel" (1962) auf.

Es gibt viele Gründe, ziemlich beunruhigt zu sein

Ansonsten ist der knapp zweistündige Abend aber eine komplette Neuentwicklung, die sich weitgehend an einer klassischen Horrorfilm-Dramaturgie orientiert: langsamer Einstieg mit versteckten Andeutungen aufs Kommende, Anziehen der Geschwindigkeit, Exzess.

Hier heißt das, dass zunächst die Gäste eintreffen und dabei alles andere als eine Aufhellung der Stimmung sind: Bernhards Chef (Sayouba Sigué) ist womöglich gar nicht mehr sein Chef, weil Bernhard längst freigesetzt wurde. Mit einer schwer kranken Freundin (Angelika Richter) betritt der Tod den Bungalow. Und ein eigentlich gar nicht eingeladener, etwas unappetitlicher Nachbar (Michael Wittenborn) macht seltsame Andeutungen – man werde überwacht, im Wald hause eine seltsame Sekte, und die Detonationen im nahen Tierseuchenzentrum seien ja wohl auch ein Grund zur Beunruhigung.

Einmal geht jemand nach draußen und kommt blutüberströmt wieder, nein, kein Angriff, er sei nur gestolpert. Einmal bricht tatsächlich jemand ein und verlangt Geld, aber es ist nur Sergej (Jonas Hien), der Elektriker, der seinen Schwarzarbeitslohn holen möchte. Echte Gefahr besteht also keine, aber das Gefühl der Bedrohung reicht aus, dass sich niemand mehr in den Wald traut.

Stattdessen wird das Eigenheim in einen Hochsicherheitsbunker verwandelt, Waffen werden ausgegeben, auf dem Dach wird patrouilliert. Der eigentliche Albtraum aber ereignet sich im Wohnzimmer: Die Lebensmittel gehen zur Neige, Wasser und Telefon sind abgestellt, und immer wieder findet sich jemand, der seinem Gegenüber ein Bedrohungsszenario ins Ohr flüstert. Linda hat kurz einen hellen Moment und fragt sich, wer denn wohl ein Interesse an ihrer Angst habe – da öffnet sich plötzlich eine politische Lesart des Stücks, die im Programmheft mit klugen Texten von Juli Zeh und Luc Boltanski fortgeführt wird, dann aber gibt auch die Mutter sich wieder dem panischen Dämmern hin.

Am Ende wird kräftig an der Eskalationsschraube gedreht

Doch selbst wenn Beier "Hysteria" als Kritik an Sicherheitswahn und politischer Instrumentalisierung von Bedrohungsszenarien verstehen will, ist der Abend meist näher an Loriot als am echten politischen Statement. Loriot in der Hardboiled-Horror-Variante, versteht sich.

Und dann kippt die Inszenierung endgültig in den Abgrund: Vergewaltigung, Splatter, Wahnsinn, alles ausgespielt in drastischer Deutlichkeit. Beier und ihr perfekt eingespieltes Ensemble ziehen die Eskalationsschraube in den letzten Minuten noch einmal deutlich an, und es spricht für die handwerkliche Qualität von "Hysteria", dass man hier tatsächlich außer Atem kommt.

Wobei der Schlag in den Magen nicht alles ist, die Inszenierung will mehr: Sie will gleichzeitig funktionierenden Horror wie auch Dekonstruktion desselben, sie will politische Analyse, sie will popkulturelle Relevanz, und am Ende will sie auch ganz schlichtes Entertainment. Irgendwie schafft Beier es, all diese Anforderungen zu erfüllen (auch wenn sich das eine oder andere "Buh!" fürs Regieteam in den Schlussapplaus schlich), nur: In der Übererfüllung des Solls liegt auch ein Moment der Beflissenheit. Wo sich die "Hysteria"-Protagonisten in ihrem Sicherheitswahn verstricken, steckt Beiers Theater fest im Zwang, alles richtig zu machen. Und dass sie tatsächlich alles richtig macht, macht den Zwang noch lange nicht besser.

Wieder am 21. 9., 1.10., 9.10., 23.10., ­Deutsches Schauspielhaus, Kirchenallee 39

Die Kritiken zu den Premieren am Thalia Theater und dem Thalia Gaußstraße lesen Sie in der Montags-Ausgabe des Hamburger Abendblatts.

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