Buchkritik

Ein Roadtrip nach Italien wird zum literarischen Glanzstück

Bodo Kirchhoff (68) lebt in Frankfurt am Main und am Gardasee

Foto: privat

Bodo Kirchhoff (68) lebt in Frankfurt am Main und am Gardasee

Bodo Kirchhoffs Novelle "Widerfahrnis" ist ein Kandidat für den Deutschen Buchpreis und überaus lesenswert.

Hamburg.  Aus der Großstadt ist Reither in die Berge gezogen, Jahrzehnte arbeitete er als Verleger. Aber Bücher liest ja keiner mehr. Außer er, der eines Abends beim Glas Wein ganz selbstverständlich den Griff ins Regal tut. Und dann klingelt es. Vor der Tür steht eine Frau namens Leonie Palm, auch sie ist aus der Stadt in die Berge gezogen. Hut-Verkäuferin ist sie gewesen, in Berlin.

Nun ist sie in einem Lesekreis. Und möchte, dass der Experte Reither jenem einen Besuch abstattet, dass er zuhört und dann befindet, vielleicht hat einer der dort selbst verfassten Texte literarische Qualität. Ein wenig knurrig ist Reither, während er sich das Begehr anhört. Sie stehen immer noch an der Tür, dann bittet er Leonie Palm endlich herein. Er möge keine langen Dialoge, mochte sie auch in Büchern nie: "Sie zeugen meist nur von Erzählfaulheit."

Dem Meistererzähler Bodo Kirchhoff, geboren 1948 in Hamburg, wohnhaft in Frankfurt am Main und am Gardasee, würde es nie einfallen, erzählfaul zu sein. Er schickt die beiden Protagonisten in seinem neuen Werk "Widerfahrnis" flugs auf einen Roadtrip nach Italien. Es wird nicht nur geredet, es wird gehandelt. Frau Palm, die auf ihre Art so klassisch altmodisch ist wie Reither, besitzt praktischerweise ein BMW Cabrio. In dem sitzen die beiden nicht mehr jungen Menschen mit einem Male, sie haben sich doch eben erst kennen gelernt, und fahren nach Italien.

Auch die Flüchtlingsthematik spielt im Buch eine Rolle

Es sind zwei, die ihre Lebensniederlagen mit sich tragen. Wer eine Biografie hat, der hat auch schon verloren. Aber er hat auch noch etwas zu gewinnen. Und so ist Reithers und Leonie Palms Aufbruch zur italienischen Reise lediglich die erste von zwei unerhörten Begebenheiten. Denn Kirchhoff, dessen Stil in diesem knapp 220 Seiten langen Buch so elegant und bildgewaltig wie noch nie ist, beschreibt in "Widerfahrnis", das er interessanterweise eine Novelle nennt, keinen Roman, nicht allein die Altersliebe zweier Abgeklärter, die zu erfahren sind, um sich rückhaltlos der Romantik hinzugeben.

Nein, er macht eine Parabel über die Gegenwart daraus, ein kleines Lehrstück darüber, wie das Bildungsbürgertum auf die Flüchtlingskrise reagiert. Und er tut das so geschickt, dass man sich – auch angesichts etlicher Romane jüngeren Datums, die sich dem Thema widmen – an keiner Stelle ein Thesenstück vermutet. In Catania lesen die beiden Reisenden eine Streunerin auf, ein Mädchen, das nicht spricht. Und nun geht es darum, wie man sich der Bedürftigen gegenüber verhält. Welches Maß an Nächstenliebe, Freigebigkeit und Barmherzigkeit ist nötig, welches erlaubt?

Was will das Mädchen eigentlich? Reither und Leonie Palm beschließen, es mit nach Deutschland zu schmuggeln; wobei sie dabei die treibende Kraft ist. Das titelgebende "Widerfahrnis" ist nämlich auch die unverhoffte Chance, eine Familie zu gründen. Im Falle Reithers, der viele Jahre früher die Chance, Vater zu werden, aus der Hand gab, wiederholt sich das Drama gewissermaßen auf der Italienreise. Leonie Palm dagegen sucht, bewusst oder unbewusst, Ersatz für ihre Tochter, die Selbstmord begangen hat. Sie will diese Tochter nachträglich retten, sich selbst retten kann sie jedoch nicht mehr.

Altersmelancholie, Elternschaft, Verlust: Es sind auch grundsätzliche Themen, die in diesem großen Erzählwerk verhandelt werden. Aber motivisch dicht und suggestiv und keineswegs eindeutig hinsichtlich seiner Aussage wird es erst durch die gesellschaftsbezogene Grundierung. Die Willkommenskultur vor einem Jahr, der Wunsch weiter Teile, den Bildern ertrunkener Kinder und verzweifelter Migranten mit Einsatz und Courage zu begegnen, aber auch die Skepsis, ob man sich tatsächlich in die Schicksale einfühlen kann – all das klingt bereits an, bevor das Paar überhaupt auf dem Brenner ist.

"Wilderfahrnis" ist das Buch zu unserer Gegenwart

In einer meisterhaften Szene schildert Kirchhoff, wie Reither und seine Begleiterin vor Reiseantritt eine Begegnung mit den zwei Empfangsdamen in der Lobby der Wohnanlage haben. Die eine ist eine Eritreerin, deren Fluchtgeschichte durch den Sudan die andere, eine mitteilungsbedürftige Bulgarin, freimütig erzählt. Reither freilich fühlt sich von dieser Indiskretion in eine unangenehme Lage gebracht – vielleicht, weil die Geschichte der Flucht nur der Flüchtenden selbst gehört und nicht gekapert werden darf? Die Bulgarin solle die Geschichte für sich behalten, befiehlt er dieser gleichsam. Beim Anschieben des Autos, das lange gestanden hat, ist es dann die Eritreerin, die sich hervortut. Sie kennt sich mit bockigen Autos aus seit ihrer Flucht.

Man kann diese Szene so lesen, dass es die Flüchtlinge sind, die der westlichen Wohlstandsgesellschaft die Starthilfe geben, über sich und ihre Ideale nachzudenken. Und die Sprachlosigkeit auch zwischen Reither und Leonie selbst, als die Rettungsaktion für die Streunerin, die auch eine Rettungsaktion ihrer selbst ist, schiefzugehen droht, könnte ein Kommentar zu den nicht auflösbaren Ambivalenzen sein, die die Begegnung zwischen der ersten Welt und denen sein, die Einlass in sie begehren, mit sich bringt.

"Widerfahrnis" ist ein literarisches Glanzstück, es ist das Buch zu unserer Gegenwart.

Und es ist, darauf weist der auf genauso konsequente Weise wie das gesamte Buch im Ungefähr-Poetischen bleibende Schluss, eine herzzerreißende, traurige Liebesgeschichte, so wie das auf ihre Art die beiden letzten Romane Kirchhoffs waren. Mit "Widerfahrnis" hat Kirchhoff "Die Liebe in groben Zügen" und "Verlangen und Melancholie" noch weit übertroffen.

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