Graphic Novel

Franzosen zeichnen Sittengemälde am Strand

Papa hat mal wieder die Autoschlüssel verlegt, typisch – die Zeichnungen spielen auch mit klassischen Vorurteilen und alltäglichen Vorfällen, die vermutlich jeder schon mal mitgemacht hat

Foto: Reprodukt

Papa hat mal wieder die Autoschlüssel verlegt, typisch – die Zeichnungen spielen auch mit klassischen Vorurteilen und alltäglichen Vorfällen, die vermutlich jeder schon mal mitgemacht hat

Die Franzosen Prudhomme und Rabaté persiflieren in ihrer Graphic Novel "Rein in die Fluten" pointiert das Urlaubsleben am Strand.

Hamburg.  Die zuckenden Brustmuskel des gebräunten Beaus, der tatsächlich jedem Klischee entspricht, das man sich denken kann: Er glotzt manchmal über die Ränder seiner Sonnenbrille. Und hat er soeben nicht sogar der Prollblonden mit dem tätowierten Steiß zugezwinkert? Und warum muss das Balg mit der Sandschippe in der Hand in einer Tour mit seiner Sopranstimme in den schrecklichen Chor der Strandschwätzer einstimmen? Immerhin reden die hier alle Spanisch oder Hessisch, man versteht Gottlob kein Wort. Was alles andere angeht, sind alle Menschen am Strand gleich: die Glotzer, die Eitlen, die Faulen, die Sportiven, die Sonnenverbrannten, die Verliebten, die Schweiger, die Laberbacken.

Wie an jedem öffentlichen Ort sind auch am Strand, jenem Sinnbild für Urlaub, Stereotypen anzutreffen, Szenen und Figuren mit Wiedererkennungswert. Sie laufen uns jedes Jahr wieder über den Weg, ihre Gegenwart in den Ferien ist so verlässlich wie Sonnenbrand und Eis am Stiel. Und wir gehören in dieses Bild, dessen Farben sich Urlaub für Urlaub erneuern, das mit jedem Trip ans Meer nachkoloriert wird, wir gehören ebenfalls in dieses Bild. Wir sind Bestandteil des Sittengemäldes wie alle anderen auch.

Auch der Strand-Flaneur kommt hier zu seinem Recht

Die beiden genauen und humorbegabten Beobachter und Menschenversteher David Prudhomme und Pascal Rabaté haben aus dem Schauspiel, das der Strand darbietet, nun eine Graphic Novel gemacht. Einen Comic, der nach Sonnenmilch duftet, wenn man so will; ein Tag am Meer als launisch hingemaltes Episodenstück.

Der Betrachter begleitet die Helden – es sind Dutzende, sie alle haben einen kurzen Auftritt – auf Sommerfrische, es ist vor allem ein Feuerwerk der Vorurteile, entzündet am Faktor Stress, der die Repräsentanten der Leistungsgesellschaft auch beim Entspannen begleitet. Bereits die elendige Fahrt zum Ziel inszeniert das Autorenduo als großartigen Chor des Immergleichen – Misstöne inbegriffen. Der eine fährt das dickere Auto, der andere tyrannisiert die Mitfahrer im Zug mit penetrant guter Laune usw. usf.: Am Strand, dem Sehnsuchtsort, geht die Komödie der Sonnen- und Wasserhungrigen dann erst richtig los.

Der Strand ist der Ort, an dem sich die Philosophien der Freizeit-Gegenwart treffen. FKK zum Beispiel, Motto: freier Körper, freier Wille. Wer will, kann auch die körperbemalten Tattoo-Fans als Ideen-Vermarkter sehen. Bemalter Body, Triumph des Auffallens um den Preis der Makellosigkeit. Sandburgen-Bauer dagegen wollen nicht sich, sondern die Umwelt verschönern; und Wampen-Träger haben das Ideal der Ästhetik schon lange aufgegeben.

Sie alle lassen Prudhomme und Rabaté in ihrer vergnüglichen Comic-Schau auftreten. In mehrfacher Ausführung – als Hundehüter, Westenträger und Glatzkopf mit Bauchvorsatz – hat auch der Strand-Flaneur seinen Einsatz. Er ist jeweils das Alter Ego der Autoren, kann er doch dieselben Vorurteile aktivieren wie diese selbst.

Nur so ist die Typologie der Strandbesucher zu bewerkstelligen: als Schubladisierung all der Menschen, die einem im Urlaub halt so über den Weg laufen. Vom Ankommen über das Verweilen bis zur Essenspause im Ortskern und der Abfahrt bei untergehender Sonne nehmen sich die Illustratoren das Phänomen "Seele baumeln lassen mit Nase im Wind" vor. Ihr französischer Strand könnte ebenso gut ein spanischer, griechischer oder deutscher sein ... Das helle Gelb des Strandes ist überall gleich.

Es ist auch die dominierende Farbe in diesem gezeichneten Wimmelbild, das man sich durchaus mehrere Male anschauen sollte. Es gibt viel zu entdecken – und nicht nur die Folgerung, dass ein Strandausflug ein bisschen wie der Trip in ein Kriegsgebiet ist. Der Mensch ist unter seinesgleichen zugleich ein soziales und ein soziophobes Wesen ...

David Prudhomme/Pascal Rabaté: "Rein in die Fluten", Reprodukt Verlag, 120 S., 24 Euro