Hamburg

Jeffrey Tates Liebeserklärung an die Laeiszhalle

Hamburg. Zum Saisonabschluss richtete Jeffrey Tate noch ein paar Worte ans Publikum. Der Chef der Hamburger Symphoniker bedankte sich für die Treue und warb um Unterstützung für die Zukunft: Trotz der Verlockungen der Elbphilharmonie dürfe man die "unglaublich schöne" Laeiszhalle nicht vergessen, mahnte der Dirigent.

Nach dieser Liebeserklärung zeigte er allerdings ironischerweise zunächst noch einmal die Grenzen des Saales auf, den die Symphoniker ab Januar als Residenzorchester bespielen werden: George Benjamins Stück "Ringed by the Flat Horizon", ein eindringliches Klanggemälde eines Wüstengewitters, fräste sich mit wunderbar grellen Bläserfarben ins Ohr – und brachte die Laeiszhalle mitunter zum Klirren. Eine echte Herausforderung, nicht nur für den Raum.

Und dafür haben wir jetzt die zweite Halbzeit des Deutschland-Spiels sausen lassen? Diese Frage keimte spürbar in manchen Hörerköpfen – löste sich dann aber beim zweiten Klavierkonzert von Schostakowitsch schnell in freundlich plätscherndes Wohlgefallen auf.

Dem russischen Flügelstürmer Denis Kozhukhin fehlte hier zunächst noch die Bindung an die Orchestermannschaft. Doch im zweiten Satz streifte er mit der verträumten Eleganz eines Mesut Özil über die Tasten; durchs Finale wirbelte er so leichtfüßig wie Julian Draxler in Bestform und verzückte mit seinen pianistischen Übersteigern.

Das Hauptwerk des Abends, Schuberts große C-Dur-Sinfonie, brachte Jeffrey Tate erst zur zweiten Halbzeit ins Spiel. Und obwohl er eingangs bekannt hatte, nach der Brexit-Abstimmung fühle er sich mehr wie ein Hamburger denn als Engländer, offenbarte seine Interpretation britisches Understatement: Tate setzte auf ausgewogene Tempi und einen feinen Klang, er trieb die dynamischen Kontraste des Stücks nie auf die Spitze, sondern blieb auch da immer maßvoll und kultiviert.

Dieser "klassische" Schubert klang wie ein Vorbote, und nicht wie einer der Hauptaufwühler der Romantik; in all den dramatischen Momenten schwang immer schon das Wissen um ein gutes Ende mit – verkörpert von tänzerischem Schwung und den heiteren Stimmungsbildern der Holzbläser, die sich, wie das ganze Orchester, in guter Form präsentierten.

Doch, es lohnt bestimmt, den Symphonikern und der Laeiszhalle treu zu bleiben. Man muss sich ja nicht für ausschließlich einen Konzertsaal entscheiden.

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