Hamburg

Ein Konzert mit grundverschiedenen Halbzeiten

Hamburg.  Vielleicht war Diana Tishchenko irritiert, weil sie gleich zu Beginn bei zwei Spitzentönen ein paar entscheidende Mikrometer danebengegriffen hatte. Vielleicht neigt sie aber auch sonst eher nicht zum riskanten Ritt. Jedenfalls spielte die junge Geigerin das Dvorak-Violinkonzert bei ihrem Auftritt in der Laeiszhalle allzu oft auf der sicheren Saite.

Dass Diana Tishchenko sauber, kultiviert und klangschön streichen kann, steht außer Frage. Aber das reicht eben noch nicht aus, um einen markanten Eindruck zu hinterlassen. Dazu hätte man der Mittzwanzigerin etwas mehr Mut gewünscht, dynamische Kontraste auszureizen, Charaktere zu schärfen und freier zu atmen.

Es wäre aber auch Ion Marins Job gewesen, ihr mehr Spielraum zu schaffen, indem der Dirigent die Hamburger Symphoniker entschiedener in die Begleiterrolle lenkt. Im Andante des Dvorak-Konzerts, wo Diana Tishchenko ihre G-Saite warm singen ließ, deckten die Bläser die Solistin mitunter zu: einer von mehreren Momenten, in denen die Tiefenentspannung des Dirigenten in Richtung Nachlässigkeit kippte.

Nach der Pause wirkte das Team dann allerdings wie ausgewechselt. Gleich zu Beginn von Prokovjews "Romeo und Julia"-Suite versprühten Marin und das Orchester mehr Leidenschaft als in der gesamten ersten Hälfte. Die unheilvollen Klangballungen waren der Auftakt zu einem packenden musikalischen Drama.

Mit jetzt klar fokussierter Energie und einer viel lebendigeren Körpersprache formte Marin die Szenen aus. Das leichtfüßige Trippeln der jungen Julia, das in luftigen Stakkati abgebildet ist, die Begegnung der Liebenden, deren Sinnenzauber im Sirren der Streicher flirrte, aber auch das Drama des Todes, mit seinen wuchtigen Schlägen: das furiose Finale eines Konzerts, das zwei grundverschiedene Halbzeiten hatte.

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