Hamburg

Voltaires Roman, furios in Töne gekleidet

Jeffrey Tate dirigierte eine konzertante Aufführung des Bernstein-Musicals "Candide"

Hamburg. Die Wendung von der "besten aller Welten" hat zurzeit Konjunktur. Aber wer von uns wüsste schon zu sagen, woher sie stammt? Da leistet die konzertante Aufführung von Leonard Bernsteins "Candide" in der Laeiszhalle doch mal echte Bildungsarbeit.

Also? Sie stammt von dem Philosophen Leibniz. Der wollte seinen Schülern allen Ernstes weismachen, wir lebten gerade dort, eben in der besten aller möglichen Welten. Und rief damit seinen wortmächtigen Gegner Voltaire auf den Plan. Dessen satirischen Roman hat Bernstein vertont, und Jeffrey Tate, die Hamburger Symphoniker, die EuropaChorAkademie, eine Riege furioser Solisten und Isabel Karajan als Erzählerin schicken nun den einfältigen Candide los, sich seine eigene Meinung von der Welt zu machen. Was dieser dabei erlebt, von den unwahrscheinlichsten Zufällen rund um den Erdball bis zu Todesfällen, die dann doch keine sind, strapaziert die Logik nicht zu knapp und ist zugleich bahnbrechend komisch. Musik darf das, ob sie nun als Musical, Operette oder komische Oper daherkommt, so genau weiß man das bei "Candide" nicht. Schließlich findet auch dieser Abend unter dem Motto "Freiheit" des Musikfests statt.

Die Sänger werfen sich mit sichtlichem Vergnügen und stimmlicher Souveränität in die saftige Handlung, und Karajan befeuert die konzertante Aufführung mit den deutschen Zwischentexten aus der Feder von Loriot in dessen bewährter Lakonie und – manchmal übertriebenem – französischem Akzent. Sie gibt schließlich den Dichter selbst.

Die Videoclips des imaginären Internetkanals "Voltaire" bringen da keinen Mehrwert. Die Musik ist ohnehin so nah an den Figuren, sie kommentiert so sprechend, dass es zur Verständlichkeit nicht einmal des Textbuchs bedurft hätte. Tate und die Seinen sind wiederum dem Komponisten allezeit auf den Fersen. Wenn auch die Abstimmung zwischen Sängern und Orchester hin und wieder hakt, im Zugriff sind sie sich einig. Biegen sich im Schwung der Tanzrhythmen, lassen die Musik schnarren und säuseln, schmachten und krachen und schauen furchtlos in die Abgründe, die sich bei Bernstein immer wieder auftun. Dann verschieben sich die Harmonien für Sekundenbruchteile ins Trostlose, dass man schaudern möchte – und schon naht die nächste Pointe. Näher kann man Voltaires Sarkasmus kompositorisch nicht kommen.

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