Hamburg

Mozart – hinreißend und virtuos

Das Chiaroscuro Quartet und Hammerklavierspieler Kristian Bezuidenhout in der Laeiszhalle

Hamburg.  Ein Seufzer nur, ein leises Fallen. Es scheint von nirgends zu kommen und trifft doch mitten ins Herz. Von den ersten paar Tönen des Divertimento B-Dur von Mozart an will der Hörer wissen, wie es weitergehen mag. Diese Spannung wird den Abend über anhalten im Kleinen Saal der Laeisz­halle. Das Chiaroscuro Quartet hält das schönste, dringlichste Plädoyer für die Originalklangbewegung, das sich denken ließe.

Dabei geht es gar nicht in erster Linie um das Instrumentarium. Blanke Darmsaiten, historische Bogen, okay. Aber den berückenden obertonreichen Klang einmal beiseite: Jede Wette, die russische Geigerin Alina Ibragimova und ihre Mitstreiter aus Spanien, Schweden und Frankreich könnten einen ähnlichen Zauber auch mit chinesischen Fabrikschachteln vollbringen. Im Vordergrund steht nämlich das Wie des Musizierens.

Die Zeiten, in denen einem Streichquartett ein Primarius vorstand wie ein Monarch, sind lange vorbei. Die Musiker wechseln sich beim Führen ab und lassen die Motive locker durch die Stimmen perlen. Eine kluge Demokratie ist das, die nichts mit schnöden Zugeständnissen, aber sehr viel mit gemeinsam errungener Überzeugung zu tun hat. Statt zu dominieren, verwendet Ibragimova häufig eine besonders milde Farbe und bewirkt dadurch einen enorm räumlichen Klang, bei dem die Mittelstimmen genauso zu hören sind.

Ein Fest, wie die Musiker die Stimmungen der Mozart-Sätze auskosten, mal in sich gekehrt und mäuschenleise und dann schier berstend vor Energie. Dennoch dauert es bis zum dritten Satz von Beethovens Streichquartett op. 74, bis die Musiker das erste Mal so richtig an die Grenzen gehen. Was für ein kunstvoller Spannungsaufbau über die Werke und die Epochen hinweg!

Und das ist ja "nur" die erste Hälfte gewesen. Nach der Pause kommt der eigentliche Star dazu, der Hammerklavierspieler Kristian Bezuidenhout, der in immer noch jungen Jahren mit allem spielt, was Rang und Namen hat in der Szene. Bei Mozarts Klavierquartett Es-Dur entlockt Bezuidenhout dem Rosenberger, erbaut um 1800, Klänge von einer Farbigkeit und Zartheit, die ein moderner Konzertflügel nun mal nicht draufhat. Diese Frechheit der Artikulation, dieses lustvolle Verschmelzen mit den Streichern!

Und zum krönenden Abschluss spielen die fünf das Klavierquintett A-Dur KV 385p – was nichts anderes ist als die Kammerfassung des Klavierkonzerts KV 414 und dementsprechend virtuos und von fast sinfonischer Wirkung.

Sollte da jemandem etwas gefehlt haben in der kleinen Besetzung? Ein paar Phonzahlen wo möglich? Dem wäre die Botschaft dieses hinreißenden Abends leider entgangen.

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