Hamburg

Es muss nicht immer "Pomp and Circumstance" sein

Jeffrey Tate und die Hamburger Symphoniker brachen eine Lanze für Edward Elgar

Hamburg.  Wenn Jeffrey Tate so weitermacht, wird es ihm doch noch gelingen, selbst den letzten Skeptiker zur Musik von Edward Elgar zu bekehren. Beim 6. Symphoniekonzert am Sonntag in der Laeiszhalle jedenfalls brach der Chefdirigent der Hamburger Symphoniker mehr als eine Lanze für seinen Landsmann.

So unterwies er in einer gewinnenden Ansprache sein Publikum nicht nur in der korrekten Aussprache des Namens "Falstaff" und machte es mit den Grundzügen von Shakespeares "Heinrich"-Dramen vertraut, sondern Tate lieferte mit den Symphonikern auch gleich noch eine klingende Themenliste für das optimale Hörverständnis von Edward Elgars musikalischer "Falstaff"-Adaption mit.

Es war der Mühe wert, denn Elgars selten gespieltes Spätwerk ist tatsächlich so vielschichtig, dass man versteht, warum die Fans des eher simplen "Pomp and Circumstance" es nicht öfter hören wollen. An Komplexität kann sich Elgars 35-minütige Literaturvertonung mit jeder Symphonischen Dichtung von Richard Strauss messen; tief-tragisch, philosophisch-heiter, burlesk, grotesk und dann wieder wehmütig ist diese Tondichtung. Und Tate und die Seinen beschworen hingebungsvoll die Abenteuer des Bauchmenschen Falstaff und seines über Nacht staatstragend gewordenen Saufkumpanen Heinrich vor dem inneren Auge herauf. Wenn Musik der Fantasie Nahrung ist, spielt weiter! Gebt uns volles Maß!

Immer "volle Kanne" muss wohl auch das Motto von Leoš Janáček gewesen sein, als er seine Sinfonietta komponierte. Jedenfalls gibt es kein anderes Werk der symphonischen Literatur, bei dem man so in Blechbläserklängen baden kann wie bei dieser Mutter aller Festfanfaren. So muss man Tate und den Symphonikern dankbar sein, dass sie darüber hinaus die Ohren auch öffneten für manche Feinheiten und Zwischentöne in dieser groben, wie aus großen Blöcken zusammengefügten Musik.

An Wirkung übertroffen wurde die Trompetenphalanx in Janáčeks Sinfonietta nur noch durch das Stimmorgan von Pavol Breslik. Der verfügt über einen Tenor wie ein Profilscheinwerfer: anschalten und strahlen. Fünf Lieder des jungen Richard Strauss hatte Breslik für seinen Auftritt gewählt. Und selbst im direkten Halteton-Wettkampf mit dem Tutti des Orchesters gab der Tenor dabei noch den Ton an. Sieger nach Strahlkraft und Durchhaltevermögen: Pavol Breslik. Vielleicht gehört zur hohen Kunst des Liedgesangs aber vor allem, sein Licht auch klug dosiert unter den Scheffel stellen zu können. Zum ergreifendsten Moment von Bresliks Gala jedenfalls geriet jene Stelle gegen Ende des Liedes "Morgen", wo die Musik sich auf die Worte "Stumm werden wir uns in die Augen schauen" bis zu Stillstand und Schweigen vortastete.

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