Schauspielhaus

Karin Beier: "Wir sind faul, bequem und satt"

Karin Beier,
Schauspielhaus-Intendantin,
will
durch ihre
Bühnenarbeit
zum politischen
Stadtgespräch
inspirieren

Foto: Roland Magunia / HA

Karin Beier, Schauspielhaus-Intendantin, will durch ihre Bühnenarbeit zum politischen Stadtgespräch inspirieren

Am Schauspielhaus bringt Intendantin Karin Beier Michel Houellebecqs kontroversen Roman "Unterwerfung" auf die Bühne.

Hamburg.  Karin Beier wirkt angespannt. Nur noch wenige Tage sind es bis zur Premiere von "Unterwerfung", der deutschsprachigen Erstaufführung des Michel-Houellebecq-Romans. Die Intendantin des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg inszeniert. Bühnen- und Fernsehstar Edgar Selge spielt. Die Aufmerksamkeit ist groß, es ist nicht irgendein Roman: Als die Attentate auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" verübt wurden, zierte Houellebecq das Cover. Der Islam, der im Roman eine entscheidende Rolle spielt, steht seither immer wieder im Zentrum des Weltgeschehens. Weil Flüchtlinge nach Europa strömen, unter denen vor allem Muslime sind, weil weitere Attentate im Namen Allahs verübt wurden. Ein Gespräch mit Karin Beier über den Begriff "Unterwerfung", über Gesellschaftsmodelle, Islamkritik und Zynismus.

Hamburger Abendblatt : Der iranische Präsident ist auf Europareise, und in Rom verhüllen die Italiener vorsichtshalber ein paar nackte Statuen. Eine Idee, die auch direkt aus dem Houellebecq-Roman "Unterwerfung" stammen könnte. Wie bewerten Sie diese Geste?

Karin Beier: Als Kunstaktion ist es eine bemerkenswerte Idee.

Als Kunstaktion war das wohl eher nicht gemeint ... Wo hört Höflichkeit auf, und wo beginnt Unterwerfung?

Beier : Ich habe mich mal ein bisschen näher mit der Situation der Frauen in Saudi-Arabien beschäftigt. Das ist wirklich finsterstes Mittelalter. Frauen dürfen im Taxi nicht auf den Beifahrersitz, sie dürfen das Land nicht verlassen. Das ist jenseits unseres Vorstellungsvermögens. Trotzdem muss man versuchen, wenn es um andere Kulturen geht, in einem Dialog zu bleiben, sich auch die andere Seite anzuhören. Wir betrachten ja grundsätzlich alles aus der Perspektive des Westens. Wir fühlen uns wahnsinnig sicher, dass unsere Werte die besseren sind, die freiheitlicheren.

Houellebecq schildert, wie sich die französische Gesellschaft dem Islam zuwendet, auch bei ihm verschwinden die Frauen aus dem öffentlichen Leben. Ist das ein Kollateralschaden?

Beier : Houellebecq ist eigentlich nicht interessiert am Islam-Bashing. Das ist das eigentlich Provokante. Er beschreibt eine Gesellschaft, die sich selbst zerstört. Die Hauptfigur, die im Buch zum Islam konvertiert, hat keine spirituellen Gründe, sondern rein pragmatische. Ihn treibt der Egoismus, der Individualismus. Eine Figur des Romans sagt sinngemäß, dass diese Gesellschaft an sich selbst zugrunde geht und es dafür keine Kräfte von außen braucht. Das finde ich wesentlich. ­Houellebecq wird ja gelegentlich als frauenfeindlich gelesen. Er überspitzt natürlich und provoziert damit auch. Man bekommt von ihm den knallharten maskulinen Blick eines westlichen Mannes auf die Frau. Und der Roman beschreibt, wie einfach unsere Gesellschaft Errungenschaften über Bord gehen lässt. Fast mit so einer Art Desinteresse. Das ist der Kern. Wir sollten also über unsere Werte diskutieren.

Der Roman behandelt Gesellschaftsmodelle, Ideologien, es ist ein durchaus komplexes Buch. Wie bringt man das bühnenwirksam ans Theater?

Beier : Natürlich musste ich streichen und mich fokussieren. Sonst hätte sich der Zuschauer ungefähr zwölf Stunden lang konzentrieren müssen, das wäre vielleicht etwas viel verlangt. Es war für mich von vornherein klar, dass es keinen Sinn macht, den Roman sinnlich, süffig und theatral zu gestalten. Es ist eine Kopfgeschichte. Ich hoffe, dass es uns gelingen wird, bei den Zuschauern das Interesse zu wecken, an diesem tatsächlich aufregenden Gedankenexperiment teilzunehmen.

Edgar Selge wird Texte verschiedener Figuren sprechen. Spielt die Persönlichkeit des Autors Houellebecq dabei eine Rolle?

Beier : ( lächelt) Es gibt da eine gewisse äußerliche Ähnlichkeit zwischen Edgar und Houellebecq, er hat sich die Haare jetzt sogar wachsen lassen, aber Houelle­becq ist ja nicht die Hauptfigur des Romans. Und wie viel von ihm in seiner Hauptfigur steckt, das weiß ich auch nicht. Soll doch der Zuschauer assoziieren! Mir und Edgar geht es vor allem um die Vermittlung dieses Textes. Dessen Ausgangspunkt ist aber natürlich der Autor.

Wobei man so ein Stück kaum spielen oder inszenieren kann ohne eine eigene politische Haltung.

Beier : Natürlich gibt es zu jedem Satz eine Haltung. Das wird ja nicht neutral vorgetragen, das würden Sie als Zuschauer gar nicht aushalten. Ich verkünde aber keine Botschaften von der Bühne. Nie. Aber mich interessieren die Thesen von Houellebecq. Und ich finde es wichtig, sie in die Diskussion der Stadt einzubringen.

Dass Sie das Stück in den Spielplan nehmen, ist ja schon ein Statement.

Beier : Natürlich, und in der Sekunde, in der ich 200 Seiten auf 40 Seiten einstreiche, gewichte ich. Man hätte auch die Einsamkeit der Figur in den Fokus stellen können. Mir war aber wichtiger, die Bereitschaft aufzuzeigen, wichtige Dinge aus unlauteren Gründen über Bord zu werfen. Daraus ergibt sich auch ein Statement. Es geht um unsere Welt. Es geht nicht um eine Islamkritik.

Man dürfe sich von einer "Political Correctness" nicht abhalten lassen, Dinge zu thematisieren, man dürfe nur nicht den falschen Leuten ins Horn blasen, sagen Sie. Besteht die Gefahr mit dieser Arbeit?

Beier : Die Gefahr besteht bei allen Arbeiten, die das Thema berühren, und die Radikalisierung der Ränder unserer Gesellschaft finde ich in der Tat sehr bedenklich. Houellebecq ist aber kein Reaktionär. Es kommt natürlich immer darauf an, wie der Betrachter etwas sehen will, was er darin lesen will. Aber dieses Risiko muss ich eingehen, sonst können wir ja gar nichts mehr machen.

Wann hatten Sie erstmals die Idee, "Unterwerfung" zu inszenieren?

Beier : Eigentlich sogar bevor der Roman erschienen ist. Wir sind noch vor dem Attentat auf "Charlie Hebdo", dem Tag, an dem das Buch in Frankreich erschien, an den Verlag herangetreten, als wir hörten, worum sich Houellebecqs nächster Roman drehen würde.

Als er dann erschien, konnten Sie noch immer nicht ahnen, wie sich die Situation verschärfen würde. Jetzt wirkt die Spielplangestaltung geradezu prophetisch. Ist Ihnen das selbst manchmal unheimlich?

Beier : Das rutscht jetzt ins Bewusstsein der Bevölkerung, weil keiner mehr die Augen verschließen kann. Aber das sind keine neuen Themen! Da ertrinken seit 20 Jahren Menschen im Mittelmeer. Aber man lebt einfach so in seinem Elfenbeinturm, wir nehmen sehr viel in Kauf, wenn es weit weg ist. Ich schließe mich da gar nicht aus, ich bin ja auch ein Kind dieser egomanen Gesellschaft. Diese Themen müssten uns schon lange viel mehr angehen.

Tun sie das vielleicht jetzt?

Beier : Ach, man könnte doch von morgens bis abends über den Abbau von Coltan aus Afrika, das wir für unsere Handys brauchen, sprechen! Oder über Kakao-Anbau und Schokolade! Und das geht ja unendlich so weiter. Unser Lebensstandard beruht auf Ausbeutung – auch wenn ich dieses Wort nicht mag, weil es so einen 68er-Geschmack hat. Aber es gibt einen Punkt, an dem – wie Heiner Müller es so schön formuliert hat – "die Geschichte zurückschlägt". Ein gewisser Kollaps des Wohlstands ist womöglich durchaus gerechtfertigt.

Auf welchen Erkenntnisgewinn beim Zuschauer hoffen Sie?

Beier : Mir geht es primär darum, wie der Zuschauer das Theater verlässt. Unterhält er sich über den letzten Friseurbesuch oder darüber, was er auf der Bühne gesehen hat?

Sind wir eigentlich alle Zyniker?

Beier : Nein, wir sind faul. Bequem und satt. Gleichgültig.