Hamburg

Befreien kann man sich auch mit zarten Klängen

Eivind Gullberg Jensen dirigiert die Hamburger Symphoniker

Hamburg.  Die Hamburger Symphoniker sind bekannt für ihre originellen Programmierungen. Für ihr 5. Symphoniekonzert hatten sie unter dem Motto "Musik der Befreiung" Werke von Dallapiccola, Schosta­kowitsch und Prokofjew angekündigt – alle im einen oder anderen Sinne als Reaktion auf die Diktatoren des 20. Jahrhunderts entstanden. Dann sagte Nicola Luisotti sein Gast­dirigat ab, ­Eivind Gullberg Jensen sprang ein, und Dallapiccolas "Piccola musica notturna" musste dran glauben. Nur das ­Motto, das blieb.

Sollte nun Debussys "Prélude à l'après-midi d'un faune", das anstelle des Dallapiccola in der Laeiszhalle erklang, eine Musik der Befreiung sein, dann wäre es die verträumteste Befreiung der Musikgeschichte. Jensen formte aus dem "Prélude" ein leicht verwischtes, erotisch flirrendes Gebilde, wie das paradoxerweise nur gelingt, wenn man akribische Präzision walten lässt. Sonst kommt nämlich ein bloßer pastellfarbener Klangbrei dabei heraus.

Der Kontrast zum Violinkonzert Nr. 1 von Schostakowitsch hätte größer nicht sein können: hier Naturmalerei und Kontemplation, dort eine Darstellung menschlichen Leidens, deren Intensität sich wohl niemand entziehen konnte, der ein Herz im Leibe hat. Der Geiger Guy Braunstein, Erster Gastkünstler der Symphoniker und demnächst im Rahmen der "2. VielHarmonie" auch als Dirigent zu erleben, spann die einleitende Klage zu einer schier endlosen Melodie. Die Verzweiflung freilich, die bei Schostakowitsch im Untergrund immer vorhanden ist, die trugen erst die Bläser aus dem Kellergeschoss bei, Tuba und Kontrafagott. Braunstein selbst dagegen blieb, so klug und engagiert er die musikalischen Gedanken artikulierte, im Ton ein wenig zu süß und unverbindlich und griff auch öfter mal daneben.

Prokofjews Siebte Sinfonie war gegen Schostakowitschs düsteres Bekenntnis wie ein Sommertag voll unterschiedlicher Eindrücke. Wie süffig das Geigenthema des ersten Satzes, wie frech verschoben die Walzerbetonungen des zweiten! Hin und wieder geriet das vielstimmige Gefüge leicht ins Wanken, aber der Atmosphäre tat das keinen Abbruch.

Guy Braunstein dirigiert und geigt am 28.1. bei der "2. VielHarmonie" in der Laeiszhalle

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