Hamburg

Großes Kino und happige Vollkost zum Neujahrskonzert der Haspa

Die Symphoniker unter Jeffrey Tate zeigten Traute und Vertrauen

Hamburg. Wenn ein britischer Maestro ein Neujahrskonzert dirigiert, dann gehört ein Stück so unweigerlich dazu wie das sprichwörtliche Amen in der Kirche: Edward Elgars "Pomp and Circumstance"-Marsch No 1. Da man dieser Erwartung nicht entkommen kann, muss man sie eben von Herzen umarmen, so mag sich Jeffrey Tate gedacht haben, als er die Zugabe für das leicht verspätete Haspa-Neujahrskonzert der Hamburger Symphoniker am Sonntag in der Laeiszhalle aussuchte. Und so entließ er das beglückte Publikum zu guter Letzt mit Elgars Evergreen ins neue Jahr.

Eine sympathische Pointe bot der unvermeidliche Festmusikklassiker trotzdem, denn an den Pulten saßen dabei je zur Hälfte Mitglieder der Hamburger Symphoniker und ihre Kollegen aus dem Felix Mendelssohn Jugendsinfonieorchester. Den jungen Musikern stehen die Symphoniker seit letzter Saison als Paten zur Seite. Bei of­fiziellen Anlässen wohl ebenfalls un­vermeidlich ist eine Ansprache des Intendanten. Also dankte Symphoniker­intendant Daniel Kühnel formvoll-endet, mit feinem Witz und geziert von den schönsten Lesefrüchten der Haspa für Sponsorenbeistand und acht Jahre Neujahrskonzerte.

Damit war dem Anlass dann aber auch genug Tribut gezollt, denn mit Ausnahme der Zugabe hatte Chefdirigent Tate ein Programm zusammengestellt, das dankenswerterweise gerade nicht nach einem typischen Neujahrskonzert klang: Mit Dukas' "Zauberlehrling", Saint-Saens' Klavierkonzert Nr. 2 g-Moll und Elgars "Enigma Variationen" gab es statt pikanter Musikhäppchen echte Vollkost für Konzertgänger.

Wem beim Hören von Paul Dukas "Der Zauberlehrling" zuerst die Verse von Goethes gleichnamiger Ballade in den Sinn kommen, darf sich getrost einen Bildungsbürger nennen, wer dabei zuerst die Bilder von Walt Disneys "Fantasia" vor dem inneren Auge sieht, hat aber vermutlich mehr Spaß an der Sache. So bildhaft, gestisch und erzählerisch ist diese Musik, so viel Lust am reinen, plakativen Effekt steckt darin. Um dem Affen aber richtig Zucker zu geben, dazu ist Jeffrey Tate zu sehr Feingeist. So konnte man bewundern, wie die Symphoniker in seiner Lesart wunderbar modellierte Detailstudien von Dukas' fein ziselierter Orchestrationskunst entwarfen, das große Kino aber musste man sich aus der Erinnerung hinzudenken.

Für einen echten Energiestoß sorgte der junge Russe Denis Kozhukhin als Solist in Saint-Saens zweitem Klavierkonzert. In nur 17 Tagen hatte der genialische Komponist diesen Geniestreich aus dem Ärmel geschüttelt, und Kozhukhin erwies sich als dessen kongenialer Interpret. Mit unprätentiöser, spielerischer Souveränität, wie sie aus einem gerüttelt Maß von Kraft, Können und Selbstvertrauen erwächst, träumte, tändelte und stürmte er durch die drei so unterschiedlichen Sätze. Von diesem Pianisten hätte man gerne noch eine Zugabe gehört, zum reinen Vergnügen und aus Neugierde, was wohl noch in ihm steckt, doch Denis Kozhukhin fügte sich dem Zeitplan und ging ohne Encore.

Elgars "Enigma-Variationen" waren für Tate und seine Symphoniker dann ein reines Heimspiel. Wie etwa in der "Nimrod"-Variation die Melodie aus dem zartesten Pianobereich aufstieg, an Kraft, Farbe und Volumen gewann, ließ fühlen, wie vertraut Orchester und Chef miteinander sind. Es ist just diese Kunst, Musik und Klang zum Erblühen zu bringen, die sie miteinander kultivieren.

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