Filmkritik

"Männerherzen"-Regisseur mit Horror-Thriller im Kino

Oh, nein, nicht schon wieder! Laura (Alycia Debnam-Carey) wird von einer hartnäckigen und gefährlichen „Freundin“ aus dem sozialen Netzwerk verfolgt

Foto: Casey Crafford / Warner/Casey Crafford

Oh, nein, nicht schon wieder! Laura (Alycia Debnam-Carey) wird von einer hartnäckigen und gefährlichen „Freundin“ aus dem sozialen Netzwerk verfolgt

Simon Verhoeven hat mit "Unfriend" einen internationalen Horrorfilm gedreht. Den Komödien wird er in Zukunft aber nicht entkommen.

Hamburg.  Eigentlich soll man Erfolgsteams ja nicht trennen. Aber zwischen Simon Verhoeven und der Komödie ist es aus – erst einmal. Der Regisseur, der so erfolgreich zeitgeistige Beziehungsgeschichten in "Männerherzen" und "Männerherzen … und die ganz große Liebe" inszenierte, hatte schon bei seinem Regiedebüt "100 Pro" das Publikum zum Schmunzeln gebracht. Jetzt reißt er das Ruder herum und erzählt etwas ganz anderes. "Unfriend" ist ein Horror-Thriller von internationalem Zuschnitt, der jetzt im Kino läuft. Besetzt ist er mit relativ unbekannten jungen US-Schauspielern.

Grundlage des Films ist die "Simon allein zu Haus"-Anekdote

Der Film erzählt von der Studentin Laura, die auf Facebook mit ihren mehr als 800 Freunden kommuniziert. Eines Tages nimmt sie die Freundschaftsanfrage von Marina an, einer Außenseiterin, die sehr besitzergreifend auftritt. Laura versucht halbherzig, sie auf Distanz zu halten, ist aber von den rätselhaften Botschaften des Mädchens verstört, die sie immer wieder anklickt. Als sie sie dann zurückweist, wird sie von Marina mit einem Fluch belegt. Immer mehr rätselhafte Dinge geschehen. Einige von Lauras Freunden sterben auf grausame Weise.

Simon Verhoeven kommt spät, hungrig, aber gut gelaunt in die Hotellobby. Wie ist der offen und aufgeschlossen wirkende Filmemacher auf so ein düsteres Thema verfallen? Er erzählt seine "Simon allein zu Haus"-Anekdote. Niemand außer ihm war da, als er vor dem Bildschirm bemerkte, dass das Facebook-Profil eines Bekannten immer noch im Netz war, obwohl der bereits vor einem Vierteljahr gestorben war. "Dann bekam ich eine neue Nachricht und dachte: Was ist, wenn das jetzt von ihm ist? Ich habe mich gar nicht getraut, die Nachricht anzuklicken. Der Gedanke hat mich nicht losgelassen." So entstehen Geschichten.

Chancen stehen gut, dass der Film sich selbst refinanziert

Gerade zu Beginn geht der Film sehr kritisch mit den sozialen Netzwerken um. Das entspricht durchaus der Meinung des Regisseurs. "Mich hat der Gedanke fasziniert, dass wir heutzutage angeblich 800 Freunde haben. Die Leichtsinnigkeit junger Leute ist irrsinnig hoch, was Facebook angeht. Auch die Schauspieler, mit denen wir gedreht haben, hauen immer alles raus und posten ständig, wo sie gerade sind. Man kann sie total nachverfolgen."

Verhoeven möchte dringend, dass sich sein Film selbst refinanziert. "Ich weiß, dass man auf die Nase fallen kann, wenn man ins Risiko geht. Es gibt da eine gewisse Demut denen gegenüber, die mir Geld geben." Deshalb hat er mit amerikanischen Darstellern gedreht, weil er gleich den internationalen Markt im Auge hatte. So, wie sich der Film bisher verkauft hat, könnte die Rechnung aufgehen. Das geht offenbar auch ohne Stars. "Wenn man versucht hätte, mir Jennifer Lawrence anzudrehen, hätten wir sie natürlich genommen. Aber dann hätten wir noch mehr Kontrolle abgeben müssen, und das wollten wir nicht."

Die Komödien lassen Verhoeven dennoch nicht los

Dass er jetzt beim Horror-Genre gelandet ist, findet er überhaupt nicht verwunderlich. "Ich habe schon als Kind Horrorfilme geliebt, auch die plumperen. ,Halloween', ,Das Omen', ,Freitag, der 13.'. Vor ,Männerherzen' hat er schon andere Filme geschrieben, eine Coming-of-Age-Geschichte etwa, ein Dokudrama, aber gemacht wurden die Komödien. Vor den Regiearbeiten war der smarte Süddeutsche in fast 50 Rollen als Schauspieler zu sehen, natürlich als gut aussehender, das bot sich an. Dass er sich der Schauspielerei zuwenden würde, war lange nicht klar. Er spielte erfolgreich Fußball bei 1860 München, wurde sogar in die DFB-Auswahl berufen. Ein Schien- und Wadenbeinbruch und ein Kreuzbandriss beendeten diese Pläne.

Verhoeven möchte eigentlich nicht als der Komödien-Onkel dastehen, sein Interesse am Film ist viel universeller. Aber schon wieder treibt ihn eine Komödie um. "Vielleicht bin ich für dieses Genre prädestiniert", seufzt er. Es geht um eine pensionierte Lehrerin, die Flüchtlinge aufnimmt. Die Sache klingt spannend – und nicht ganz ungefährlich. "Das Land wird nämlich gerade humorlos", findet er. "Es ist vermintes Gebiet. Alle kriegen ihr Fett ab, die Rechten wie die Willkommenskultur-Jubler. Die Leute ins Land zu holen und ihnen ein Dach über dem Kopf zu besorgen – das schaffen wir, aber das reicht ja nicht." Erfreulich unroutiniert verhält er sich im Gespräch. Eine Betreuerin kommt, um ihn zu warnen, dass er seinen Flug verpassen könnte. Jetzt nicht, findet er, und will stattdessen die nächste Maschine nehmen. Es gibt noch einiges zu erzählen.

Geschenkt hat man ihm nichts, es gab in der Filmwelt keinen Promikind-Bonus

Verhoeven, der in New York Schauspiel und Regie studiert hat, kommt aus einer Familie, in der Filme zum Tagesgeschäft gehören. Seine Mutter ist die Schauspielerin Senta Berger, sein Vater der Regisseur Michael Verhoeven. Gab es Generationenkonflikte? "Wir haben immer über Filme geredet und gern auch gestritten. Ich finde einiges großartig und kann nicht begreifen, dass meine Eltern das nicht verstehen. Das gibt es auch andersherum. Aber ich habe zu meinem Vater schon als Kind gesagt: Papa, das mache ich später auch. Ich weiß gar nicht, was daran so schwer sein soll. Mittlerweile wird bei uns aber auch viel darüber gesprochen, dass ,alt werden' anstrengend ist." Die Streitgespräche in der Familie sind schon eine Generation weiter gewandert. Verhoeven hat einen fünf Jahre alten Sohn, den er lange fernsehen lässt. Seine Frau findet das nicht gut.

In die Filmwelt, sagt Verhoeven, sei er durch seine Eltern etwas selbstverständlicher hineingewachsen. Geschenkt habe man ihm dort aber trotzdem nichts, es gab keinen Promikind-Bonus. "Bis ,Männerherzen' habe ich eigentlich gar nichts auf die Reihe bekommen, und da war ich immerhin auch schon 36 Jahre alt. Mir ist immer entweder der Sender, der Verleih oder die Förderung abgesprungen."

"Unfriend" läuft im Cinemaxx Dammtor/Harburg und in den UCIs Mundsburg/Othmarschen Park

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