Thalia Theater Boykott-Aufruf gegen lettischen Regisseur Alvis Hermanis

Joachim Lux,
Intendant des
Thalia Theaters

Foto: Andreas Laible / HA

Joachim Lux, Intendant des Thalia Theaters

Streit um die politisch motivierte Absage geht weiter. Thalia-Intendant Joachim Lux bezieht erneut Stellung zu dem Vorgang.

Hamburg.  Die Entscheidung des lettischen Regisseurs Alvis Hermanis, eine bereits vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Thalia Theater aufzukündigen und dies politisch zu begründen, hat in der europäischen Theaterszene für reichlich Gesprächsstoff, Empörung, Ratlosigkeit und für einen Boykottaufruf gegen den Regisseur gesorgt. Den Thalia-Intendanten Joachim Lux veranlasste der Vorgang nun, erneut Stellung zu beziehen.

Hermanis hatte dem Thalia, das sich inhaltlich wie andere Theater in einem Schwerpunkt mit dem Thema Flüchtlinge beschäftigt, unter anderem vorgeworfen, aus privater Korrespondenz zitiert und seine Aussagen "manipuliert" zu haben. Das Theater identifiziere sich zudem mit einem "Refugee Welcome Center", daran wolle er nicht teilnehmen. Intendant Lux hatte zuvor die Absage des Regisseurs öffentlich gemacht und dazu aus einem Mailwechsel zitiert. In dem habe Hermanis, der derzeit in Paris arbeitet, Flüchtlinge und Terroristen in einen direkten Zusammenhang gebracht und unmissverständlich erklärt, man befinde sich in einem "Krieg", in dem man sich für eine Seite entscheiden müsse.

Nun sieht sich Lux veranlasst, klarzustellen, sein Haus sei keineswegs ein "Refugee Welcome Center", "sondern ein Theater, das sich im Zentrum über seine künstlerische Arbeit definiert. Das soziale, humanitäre und gesellschaftspolitische Engagement ergänzt die Arbeit immer wieder. Aber es ersetzt sie nicht. Theater ist beides: ein Ort der künstlerischen Arbeit und ein öffentlicher Ort in der Stadtgesellschaft." Er habe weder "manipuliert" noch Hermanis' Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen, sondern "sachlich" aus vier Mails zitiert. "Es war nicht unsere Absicht, ihn bloßzustellen. Im Gegenteil: Wir haben ihn hinsichtlich mancher dort vertretenen Ansichten vor sich selbst geschützt."

Unterstützung erhält Lux unter anderem von der Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard, die sich "ernsthaft schockiert über Hermanis' Vergleich von Flüchtlingen mit Terroristen" zeigte. "Seine Aussage bedient sich rechter Rhetorik und ebnet den Weg für weitere Fremdenfeindlichkeit und Ressentiments gegenüber den Opfern von Kriegen, die bei uns Zuflucht suchen vor dem Terror in ihren Heimatländern." Deuflhard, die ebenfalls eine Arbeitsbeziehung mit Hermanis verbindet und die ihre erste Spielzeit mit ihm eröffnet hatte, appelliert nach seinem Statement an die europäischen Intendanten, nicht mehr mit Hermanis zu arbeiten: "Solchen Äußerungen und Haltungen sollten wir kein Forum bieten."

Joachim Lux indes hält einen Boykott grundsätzlich für das falsche Mittel der Auseinandersetzung. "Vor einem halben Jahr wurde im Thalia Theater heftig diskutiert, ob wir unsererseits angesichts der politischen Entwicklung in Ungarn das Land boykottieren und eine Gastspieleinladung ablehnen sollten. Ich fand das falsch. Im Ergebnis fand das Gastspiel in Budapest statt." Das Thalia behält auch Hermanis' Produktion "Späte Nachbarn", eine Übernahme aus den Münchner Kammerspielen, im Spielplan der Gaußstraße: "Wir spielen ihn weiter!"