Abendblatt-Interview

Daniel Barenboim: Warum Musik Diktatoren zu Tränen rührt

Daniel Barenboim in der Laeiszhalle an einem speziell für ihn gefertigten Flügel mit parallel laufender Besaitung

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Daniel Barenboim in der Laeiszhalle an einem speziell für ihn gefertigten Flügel mit parallel laufender Besaitung

Der weltberühmte Dirigent und Pianist über die Hamburger Elbphilharmonie, den Terror dieser Tage und Hitlers Wagner-Manie.

Hamburg.  Hoher Besuch bei den Hamburger Symphonikern: Am heutigen Donnerstag gibt Daniel Barenboim, weltberühmt als Dirigent und Pianist, bei ihnen sein Debüt und spielt in der Laeiszhalle zwei Klavierkonzerte, Beethovens drittes und Brahms' zweites.

Hamburger Abendblatt: Haben die Verschärfung des Nahost-Konflikts und die Anschläge in Paris Auswirkungen auf die Akzeptanz Ihres West-Eastern Divan Orchestra?

Barenboim: Innerhalb des Orchesters nicht. Ich glaube, ich kann ohne Eitelkeit sagen, das Orchester ist ein Mythos geworden – in Europa, in Lateinamerika, in den USA, in Asien. Nur in der Region selbst ist es das weniger und weniger. Wir hatten immer Befürworter und Gegner, sowohl in Israel als auch in Palästina. Ich glaube, die Gegner sind jetzt mehr geworden. Denn wir repräsentieren nicht die Mehrheit dessen, was die Menschheit denkt, weder in Israel noch in Palästina. Sie sind jetzt an einem Punkt, wo auf beiden Seiten keiner an die Notwendigkeit glaubt, mit den anderen leben zu müssen. Der Wille ist nicht da. Manchmal vergessen wir über all den Prozessen und Verhandlungen den wichtigsten menschlichen Impuls: den Willen. Wenn wir das Bedürfnis, miteinander zu sprechen, nicht haben, dann werden wir es nicht schaffen. So ist es im Moment in Nahost, und durch die Ereignisse in Paris in den letzten Tagen ist es noch schlimmer geworden.

Kann Musik auch ein Präventionsmittel gegen Fanatismus aller Art sein?

Barenboim: Die Beziehung des Menschen zur Musik ist sehr komplex. Man kann sehr viel von der Musik für das Leben lernen und umgekehrt. Aber man kann die beiden Bereiche auch total separat behandeln. Nehmen sie die Ex­tremfälle der furchtbaren Menschen wie Stalin oder Hitler, die grausamste Diktatoren waren und von einer bestimmten musikalischen Phrase zu Tränen gerührt sein konnten. Wolfgang Wagner hat mir mal in der Partitur des "Lohengrin" genau die Stelle gezeigt, an der der Führer immer Tränen vergoss: im dritten Akt. Da Hitler oft bei der Familie Wagner zu Besuch war, war das kein Geheimnis. Und Stalin hatte eine große Bewunderung für die sowjetische Pianistin Maria Yudina. Aber die Verbindung zwischen Musik und Leben existierte für diese Menschen nicht.

Ist bei Menschen, die ein Instrument spielen, die Verbindung zwischen Musik und Leben nicht doch viel stärker?

Barenboim: Natürlich. Selbstverständlich. Ich habe vor zehn Jahren zwei Musik-Kindergärten gegründet, einen in Ramallah, Palästina, und einen in Berlin. Die aus dem ersten Jahrgang sind jetzt 14 Jahre alt. Zum zehnten Jubiläum gab es jetzt eine Untersuchung. Wie viel Prozent dieser Kinder, glauben Sie, haben noch etwas mit Musik zu tun – spielen ein Instrument oder singen im Chor?

Schwer zu sagen. Vielleicht die Hälfte ...

Barenboim: Wie viel Prozent?

Na gut, vielleicht 30.

Barenboim: 80 Prozent! 80 Prozent. Was jetzt fehlt, ist eine Grund- und eine weiterführende Schule, in der Musik als Hauptzweig unterrichtet wird. Ein bisschen Musik in der Schule – das reicht nicht. Deswegen bin ich jetzt in Berlin auf der Suche nach einer Grundschule, die bereit ist, sich darauf einzulassen,. Dann könnten wir – die Musiker der Staatskapelle Berlin und ich – ihnen dabei helfen, das Curriculum zu gestalten.

Wie weit sind Sie mit Ihren Plänen?

Barenboim: Noch am Anfang. Es gibt jetzt in Berlin die Barenboim-Said-Akademie und den Kindergarten. Aber dazwischen ist ein Loch. Wenn ich ein Plädoyer halten dürfte: Ich suche eine Schule, die akzeptiert, dass Musik etwas Notwendiges ist.

Sie reden jetzt in Hamburg auch auf einem Podium zum Thema Musikstadt ...

Barenboim: Musikstadt heißt nicht: ein phänomenaler Konzertsaal. Selbst wenn er der beste der Welt ist.

War es verrückt, größenwahnsinnig oder klug, die Elbphilharmonie zu bauen?

Barenboim: Man muss sehen, wie der neue Saal funktionieren wird und was für einen Einfluss er auf die Bevölkerung hat. Jetzt ist ein wunderbarer Moment, darüber nachzudenken, wohin es mit der Musikerziehung gehen soll. Ohne Musikerziehung werden wir eines Tages kein Publikum mehr haben. Das Grundproblem ist der Mangel an Musikerziehung, überall auf der Welt, nicht nur in Deutschland. Man kann heutzutage ein sehr gebildeter Mensch sein, viel verstehen von Philosophie, Kunst, Theater oder Literatur, und absolut null Beziehung zur Musik haben. Das war früher unmöglich. Die Leute, die ihren Paul Klee kannten, kannten auch ihren Schönberg. Die Leute, die Picasso kannten, kannten auch Strawinsky. Bei der Elbphilharmonie arbeiten professionelle Leute, die werden ein gutes Programm machen. Aber was macht man mit dem Publikum? Man kriegt es nicht so, wie sie das in den USA probieren, mit Aktivitäten neben der Musik. Das muss in der Kindheit ansetzen.

Was wäre Ihr Rat an die Stadt?

Barenboim: Bei aller Bescheidenheit: Sie könnte denselben Kurs nehmen, den ich eingeschlagen habe. Und ich bin keine Stadt. Ich bin eine Einzelperson, wie erwähnt auf der Suche nach einer Grundschule, die bereit ist, ihr Curriculum zu ändern. Ich glaube, eine Stadt hat die Möglichkeit, das mit mehr als nur einer Schule zu machen.

Haben Sie in Ihrem viel beschäftigten Leben überhaupt Zeit, sich ausreichend darauf vorzubereiten? Oder schütteln Sie das so aus dem Ärmel?

Barenboim: Oh nein. Gestern habe ich Guy Braunstein fast alles vorgespielt. Vielleicht war es gut für ihn, vor allem war es gut für mich. Nein nein, die Vorbereitungszeit ist schon wichtig.

Ist es aufregender, als Pianist und nicht als Dirigent auf die Bühne zu gehen?

Barenboim: Natürlich. Da muss ich ja selber den Klang zur Welt bringen. Vorgestern habe ich die Neunte von Mahler bei den Wiener Philharmonikern dirigiert. Toll haben sie gespielt. Aber es haben eben sie gespielt. Mehr muss man dazu nicht sagen.

Hamburger Symphoniker/Daniel Barenboim
Do 19.11., 19.30, Laeiszhalle, Karten 12,10 bis 124,30

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