Hamburg

Symphoniker rehabilitierten Franz Liszts Meisterwerk

Starkes Konzert mit Pianistin Elena Bashkirova in der Laeiszhalle

Hamburg. Das vierte Klavierkonzert von Beethoven entstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts, in der Spätblüte der Wiener Klassik. Für viele Musiker markiert es bereits den Übergang zur Romantik. Auch Elena Bashkirova deutet das Stück als Vorbote der neuen Epoche: Bei ihrem Auftritt mit den Hamburger Symphonikern in der sehr gut besuchten Laeiszhalle tastete sich die Pianistin sehnsuchtszart in die poetischen Zwischentöne des Konzerts hinein; sie kostete die Melodien im ersten Satz mit weichem Anschlag aus und gönnte sich dabei Momente des Innehaltens – sensibel begleitet von Ion Marin, dem ersten Gastdirigenten des Orchesters. Der rumänische Maestro hielt sich bei Beethoven vornehm zurück und förderte so ein ohrengespitztes Miteinander der Symphoniker mit ihrer Solistin. Mitunter schmiegte sie sich so filigran in den Gesamtklang ein, dass die Klaviertöne nur noch als dezente Farbnuance zu erahnen waren.

Marin bettete sie mit den Symphonikern in einen samtigen Sound, der allerdings im Andante des Klavierkonzerts noch etwas konturenschärfer und im Finale durchlässiger hätte sein dürfen. Zu Schuberts "Unvollendeter", nach der Pause, passte er dagegen wie gemalt: Wunderbar, wie der Dirigent da die weiten, weich geschwungenen Bögen modellierte und mit gemessenen Gesten eine unendliche Ruhe verströmte. Als müsse er gar nichts aktiv gestalten, sondern die Musik bloß von alleine fließen und ihren Ausdruck finden lassen – wie im berühmten Seitenthema des ersten Satzes, mit dem jene für Schubert so typische Stimmung milder Melancholie durch den Raum schwebte.

Auch im zweiten Satz, an dessen Beginn die Bläser einen von wenigen Anflügen der Unsicherheit offenbarten, vertraute Marin ganz auf die Wehmutswärme der Musik. Damit betonte er eher die emotionale Dichte als die dramatischen Facetten.

Diese Haltung, die das Konzertmotto "Selige Sehnsucht" interpretatorisch einlöste, prägte schließlich auch Marins Zugang zu den "Préludes" von Franz Liszt: Indem er das Ausdrucks- und Farbspektrum der Tondichtung in seiner ganzen Breite im Blick hatte – mit ihrem Liebesschmachten, der Verletzlichkeit und den Szenen ländlicher Idylle –, rückte er die Passagen des Auftrumpfens ins rechte Licht. Marin und die Symphoniker befreiten die Musik von dem Ballast, der ihr seit der Nazi-Zeit hartnäckig anhaftet: Die "Pre­ludes" sind nämlich keine Filmmusik zur Verherrlichung von Panzerflotten und Luftangriffen – wie der Missbrauch als Titelmelodie der "Wochenschau" während der 1940er-Jahre suggerierte –, sondern ein friedliches Stück über das Leben mit all seinen Aufs und Abs. So endete der umjubelte Ausflug in die Romantik mit der verdienten Rehabilitation eines Meisterwerks. Ein starkes Konzert.

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