Hamburg

Opernatmosphäre mit einem Hauch von Bad Segeberg

Halb Oper, halb Kino, alles unter freiem
Himmel

Foto: Filmfest Hamburg / Christian Spahrbier

Halb Oper, halb Kino, alles unter freiem Himmel

Hunderte verfolgten am Jungfernstieg die zeitversetzte Übertragung aus der Oper. Das Publikum war auffallend gemischt.

Hamburg.  Sie tragen Jeans und Pullover und tun sich an Crêpes, Bratwurst und Bier gütlich. Nach dem Pu­blikum einer klassischen Oper sehen diese Leute nicht aus. Aber schließlich sitzen sie auch nicht im Opernhaus, sondern vor einer großen Leinwand, die auf der Binnenalster schwimmt. Rund 500 Menschen sitzen und stehen am Sonnabend um 20.30 Uhr am Jungfernstieg, als die zeitversetzte Übertragung der Premiere von "Les Troyens" beginnt. Das Publikum ist auffallend gemischt: Gruppen von Jugendlichen, Pärchen und alleinstehende Ältere sieht man ebenso wie Familien. Am Rand der Zuschauermenge unterhalten sich die Menschen, aber weiter im Zentrum sind sie leise und lauschen gebannt der Vorstellung.

Das Ganze erinnert ein bisschen an die Karl-May-Spiele in Bad Segeberg – bloß mit Oper statt mit Indianern. Nach zehn Minuten gehen die Ersten, die inzwischen gemerkt haben, dass Oper anscheinend doch nichts für sie ist. Dafür kommen andere dazu, spazieren nicht vorbei, sondern bleiben stehen. Nur an den Rändern herrscht reges Treiben. Menschen kommen und gehen, sehen kurz zu und machen sich wieder auf den Weg. In der Mitte lauschen die Zuschauer aber nach wie vor gespannt.

Bis etwa 22 Uhr verdünnt sich die Menge zusehends, danach haben sich die etwa 250 Menschen gefunden, die bis zum Schluss bleiben und der während des Abends zunehmenden Kälte trotzen. Nur 14 Grad zeigt das Thermometer an der S-Bahn-Station. Wer bei dieser Temperatur fast dreieinhalb Stunden an der Alster ausharrt, muss das schon mögen.

Nach der Übertragung gibt es ordentlich Beifall, der sich zum Höhepunkt der Open-Air-Vorstellung noch einmal steigert, als sich die Sänger an der Alster ihren zweiten Applaus abholen. Alle Zuschauer stehen nun auf und bilden eine Traube um die Darsteller. "Die Musik war fantastisch, und die Arien haben mir auch sehr gut gefallen", sagt Bärbel Plantiko-Joost aus Eimsbüttel. Sie hat sich die ganze Übertragung angesehen, und auch die Atmosphäre hat ihr gefallen. "Es ist toll, dass es hier so locker zugeht und dass so viele unterschiedliche Leute hier sind."

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