Saisoneröffnung

"Radleuchter" und Bach zur Saisoneröffnung der Symphoniker

Der Lichtkünstler Michael Hammers ist gelernter Schmied. An diesem Sonntag illuminiert er in der Laeiszhalle Bachs h-Moll-Messe

Foto: Klaus Bodig / HA / Klaus Bodig

Der Lichtkünstler Michael Hammers ist gelernter Schmied. An diesem Sonntag illuminiert er in der Laeiszhalle Bachs h-Moll-Messe

Michael Hammers montiert für die Premiere der Symphoniker mit Bachs Oratorium eine Lichtinstallation an der Laeiszhallendecke.

Hamburg. Bäcker, die Blech, Maurer, die Kelle, Schneider, die Nadelöhr heißen, kommen am ehesten in Kindergeschichten vor. Da üben Figuren mit solchen Namen glücklich und zufrieden ihre Handwerksberufe aus. Mehrfachbegabungen, gar biografische Brechungen, sind in der Regel nicht vorgesehen. Auch Michael Hammers trägt einen Namen wie aus einer Kindergeschichte, schließlich ist er gelernter Schmied und hat in Aachen eine Werkstatt.

Aber weitaus häufiger als mit Amboss, Greifzange und Schmiedehammer ist Hammers mittlerweile in der Weltgeschichte unterwegs, und wenn er zu Hause in Aachen ist, dann sitzt er meist eher vor dem Computer, als dass er ein glühend heißes Werkstück formt. Denn im Laufe der letzten 15 Jahre hat sich Schmiedemeister Hammers' Berufsfeld von der massivsten Materie zur immateriellsten weiterbewegt, vom Eisen zum Licht.

Die Wirkung der Lichtinstallation

Dieser Tage weilt er in Hamburg. Vorzugsweise in den Nachtstunden richtet er in der Laeiszhalle eine Lichtinstallation ein, die aus der Saisoneröffnung der Symphoniker am kommenden Sonntag über die Musik hinaus ein unvergessliches künstlerisch-spirituelles Gemeinschaftserlebnis machen könnte: Die Aufführung der h-Moll-Messe von Bach findet unter einem von ihm bespielten Gebilde statt, das er "Radleuchter" nennt.

Wer mag, kann in Hammers' Metallwerkstatt immer noch, sagen wir, ein gut gestaltetes und perfekt ausgeführtes Gartentor in Auftrag geben. Solide Handwerkskunst unter seinem Namen ist ihm nach wie vor wichtig, "Wir reden hier nicht von Gelsenkirchener Barock", sagt er sicherheitshalber, damit man auch weiß, dass ein verarbeitetes Eisen, das sein Siegel trägt, auch ästhetisch überzeugt. Aber solche Dinge wie der Radleuchter für Hamburg, "neun Meter Durchmesser, etwas schräg nach vorn geneigt, über den Köpfen der Musiker schwebend und etwas in den Saal hineinragend", die beschäftigen ihn mehr. Sachen, die den Geist erhellen, auch und gerade, wenn sie zwischendurch mal dunkel werden.

Man darf sich das, was Hammers eigenem Bekunden nach sofort vorschwebte, als Symphoniker-Intendant Daniel Kühnel ihn fragte, ob er zur h-Moll-Messe licht-visuell etwas beizutragen hätte, nicht als schlichte Lichtorgel vorstellen. Ja, es gibt am Radleuchter sogenannte Moving heads, Scheinwerfer, die sich elektronisch gesteuert in ihrer Leuchtrichtung dirigieren lassen, es wird auch eine Farbdramaturgie geben, die Hammers, bekennender rheinischer Katholik, dem Verlauf der Messe entsprechend entwickelt hat. Er vertraut auf die Wirkung diskreter Intervention. Das Gebilde "lässt die Mitte bewusst frei, sie nimmt auch den Dirigenten aus der Mitte heraus. Ich will nicht die Bühne inszenieren, sondern den Raum, in dem die Musik erklingt. Das Licht fasse ich wie eine Stimme aus dem Orchester auf."

Schon als "Knabensopränchen" hat er die Messe im Chor mitgesungen

Ist der frei schwebende Kreis aus Licht, montiert an zwei Traversen an der Saaldecke, ein Heiligenschein für die Musik? "Das Wort würde ich nicht benutzen", sagt Hammers. "Aber wenn jemand das so sieht, dann werde ich auch nicht weinen."

Vom Erz zum Licht führte für Hammers keine gerade Linie. Als materielle Zwischenstation kommt Kristall ins Spiel. 2004 hat er erstmals einen Kristallstern auf den Weihnachtsbaum am Rockefeller Plaza in New York setzen dürfen, fünf Jahre später bekam er jene Innenbeleuchtung, die Hammers von Anfang an vorgesehen hatte. In diesem Winter prangt sein New Yorker Weihnachtsstern im zwölften Jahr, und wie zu jedem Advent seit 2008 wird Hammers selbst ihn ferngesteuert von einem Kellerraum unter dem Rockefeller Center aus entzünden.

Die h-Moll-Messe zu illuminieren, ist für Hammers eine Premiere auf neuem Terrain. Abgesehen davon, dass er sofort eine Vision von seiner Lichtstimme hatte, traute er sich die Aufgabe auch deshalb zu, weil er das Werk sehr gut kennt. Schon als "Knabensopränchen" hat er die Messe im Chor mitgesungen, später als Bariton, bis er im reifen Alter von 28 Jahren von einem Gesangspädagogen den Bescheid bekam, er sei Tenor.

Doch die Hammers-Stimme, die im Konzert die Musik durchdringen soll, bleibt im Fall optimaler Programmierung seiner geölten Scheinwerfer völlig still. So könnte eine Kindergeschichte anfangen: Es war einmal ein Schmied, der sang ein Lied aus lauter Licht.

Messe in h-Moll, So 20.9., 19.00, Laeiszhalle
(U Gänsemarkt), Johannes-Brahms-Platz, Karten von 9,90 bis 49,50 im Vorverkauf

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