Klassik

Fünfzehn Quartette auf einen Streich in der Laeiszhalle

Marathonläufer durch das Gesamtwerk von Dmitri Schostakowitsch für Streichquartett: das Atrium String Quartet aus St. Petersburg auf der Bühne des kleinen Saals in der Laeizhalle

Foto: Marcelo Hernandez

Marathonläufer durch das Gesamtwerk von Dmitri Schostakowitsch für Streichquartett: das Atrium String Quartet aus St. Petersburg auf der Bühne des kleinen Saals in der Laeizhalle

Selbstversuch mit Schostakowitsch und dem Atrium String Quartet: Wie übersteht man zehn Stunden Kammermusik am Stück?

Hamburg.  Eine Wolldecke und eine Thermoskanne mit Tee zählen nicht unbedingt zur gängigen Ausstattung für einen Konzertbesuch. Aber an diesem klaren, kalten Frühlingstag ist alles ein wenig anders. Das Portal des kleinen Saals der Laeiszhalle liegt am Mittag noch im Schatten wie ein Höhleneingang. Dort startet eine Expedition der besonderen Art: Das Atrium Quartett spielt sämtliche Streichquartette von Schostakowitsch, 15 an der Zahl. Die Sause hat sich die Hamburgische Vereinigung von Freunden der Kammermusik ausgedacht.

15 Schostakowitsch-Streichquartette – das bedeutet nicht nur viele Stunden sitzen, es bedeutet auch Seelenarbeit. Schostakowitschs Quartette sind Bekenntnisse. Zwischen 1949 und 1974 entstanden, lassen sich viele von ihnen an Ereignissen in seinem Leben festmachen, einem Leben, das dramatisch changierte zwischen höchster künstlerischer Anerkennung durch Kollegen und vor allem im westlichen Ausland und wiederkehrenden Demütigungen, ja Todesgefahr ob seines Komponierstils. Die Herrschenden der Sowjetunion verlangten tonal-volkstümliche Arbeiter- und Bauernmusik.

Da erstaunt es beinahe, wie lieblich-ländlich das erste der Quartette sich anlässt. Das Negative, Sarkastische, das auch in den frühen Quartetten schon im Untergrund vorhanden ist, kommt bei den vier jungen Russen – drei von ihnen stammen wie der Komponist aus St. Petersburg – zunächst kaum zum Tragen. Doch die Intensität ihres Spiels ist überwältigend. Jede Note steuert etwas zur Aussage bei. Wenn die Funktion eines Tons wechselt, etwa in einem Akkord, wechselt auch seine Farbe. Und das alles traumwandlerisch sicher im Zusammenspiel. Eine Warmlaufphase brauchen die Musiker nicht.

Anders die Hörer. Das Mittagstief fordert seinen Tribut. Einige Sitze weiter nickt jemand verdächtig schwer mit dem Kopf. Dabei ist es ein handverlesener Kreis, der sich auf diese Klangreise begibt. Der Saal ist vielleicht zu einem Drittel gefüllt. Aber dieses Drittel hört so genau zu, wie man es eben nur bei Kammerkonzerten erlebt. Kaum einmal hustet jemand – und niemand zerreißt die magischen Momente, wenn die Musik in der Stille nach dem Schlusston noch nachschwingt.

Immer tiefer schaut Schostakowitsch in die Abgründe seiner Existenz. Trost? Gibt es nie, schon gar keinen spirituellen. Es gibt vielleicht mal einen Hauch Wiener Schmäh wie im Quartett Nr. 6, aber der wird gleich wieder verfremdet. Die Stilmittel dazu erkennt man von Weitem: unerwartete Halbtonwendungen, insistierende, manchmal peitschende Tonwiederholungen. Im Raum zwischen den Tönen sitzt die Verzweiflung des Gequälten.

Sie mündet ins Quartett Nr. 8, das berühmteste des Zyklus, das mit der Tonfolge D-Es-C-H, den Initialen des Komponisten. Schwärzer als so schwarz geht nicht. Nr. 8 wird ein Höhepunkt dieses denkwürdigen Tages, auch wenn die Cellistin in ihren exponierten Passagen manchmal leicht unsicher intoniert. Konditionsschwäche? Sie wäre mehr als verzeihlich.

Pause, eine richtige diesmal. Zeit für Borschtsch, Wodka (in Maßen), Gespräche (ausführlich), auf vielen Tischen im sogenannten Erfrischungsraum liegen Bücher zum Thema. Anton Ilyunin, dem zweiten Geiger, sind die 90 Minuten gar nicht so lieb. "Wir müssen aufpassen, dass die Spannung nicht nachlässt", sagt er in seinem flüssigen Deutsch. Ilyunin sieht müde aus. "Aber wenn wir auf der Bühne sitzen, dann ist das vergessen", beteuert er. "Dann zählt nur noch die Musik." Die vier kennen die Tücken dieses Marathons, sie haben ihn schon mehrfach bewältigt. Über die zehn Stunden hinweg begnügen sie sich mit einem Sandwich und viel Wasser. Einen Masseur oder Mannschaftsarzt haben sie nicht dabei. "Das Beste ist", sagt Ilyunin, "am Tag danach richtig auszuschlafen."

Soweit ist es aber noch nicht. Erst einmal folgen schlappe sieben weitere Quartette. So ab Nr. 10 verwendet der Komponist moderat modernere Mittel wie Zwölftöniges oder Schläge mit dem Bogenholz auf den Wirbelkasten. Nicht alle Quartette sind gleich stark, aber die Musik wendet sich hörbar immer weiter nach innen. Für die Hörer ist das um diese Zeit eine Herausforderung. Die Klappsitze fühlen sich mittlerweile an, als wären sie seit der Wiedereröffnung des Saals in den 50er-Jahren nicht mehr neu gepolstert worden. Das ist der Ergriffenheit leicht abträglich. Die Damen und Herren vom Verein in Reihe eins sitzen vorbildlich gerade, dahinter wird schon mal gelümmelt.

Und irgendwann verbinden sich die Müdigkeit und die vielen Klänge und Stimmungen dieses Tages doch noch zu einer Art Teppich, auf dem der Hörer davonfliegt. Zu Nr. 15, Schostakowitschs resigniertem Abgesang, entstanden im Jahr vor seinem Tod, hat die Beleuchtung gewechselt. Plötzlich ist es Nacht. Oder ist das nur ein Traum?

Ludwig Hartmann, Vereinsvorsitzender und Dramaturg in Personalunion, geht als Letzter. Und wird als Erster wiederkommen. Für Hartgesottene geht es nämlich am Sonntagmittag noch weiter mit Schostakowitsch, allerdings ohne die Musiker vom Atrium Quartett. Die schlafen aus. Hoffentlich.

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