Hamburg

Bei Sibelius war das Publikum außer sich vor Glück

Die Hamburger Symphoniker mit starker Orchesterleistung und großartigem Solisten

Hamburg.  Es muss wohl erst ein Engländer kommen, um unsere Horchlöffel einmal konsequent nach Norden auszurichten. Gewiss, Edvard Grieg und Jean Sibelius sind im Musikleben der Stadt keine seltenen Gäste. Auch wenn der finnische Jubilar mehr zu bieten hat als "Finlandia" und das gleichermaßen beliebte Violinkonzert. Was das 7. Symphoniekonzert der Hamburger Symphoniker auszeichnete, war der Mut, einen Dänen mit aufs Programm zu setzen, der hier bislang auf taube Ohren stieß. In seinem Refugium an der Nordküste der Insel Seeland schuf Vagn Holmboe (1909–1996) nicht weniger als 14 Sinfonien und 21 Streichquartette, dazu etliche Solo- und Kammerkonzerte nebst Chormusik. Wie Jeffrey Tate auf ihn stieß? Nun, in angelsächsischen Ländern genießen skandinavische Komponisten weit mehr Aufmerksamkeit als bei uns. Wiewohl der Konzertbesuch zeigte, dass ein fremder Name keineswegs abschreckt, wenn die Programmidee sticht.

Ein kanadischer Musikforscher widmete Holmboe mehrere Studien, darunter eine Analyse der 7. Symphonie, die Tate jetzt mit seinem Orchester detailgenau erarbeitete. 1950 entstanden, zeigt sie den Komponisten auf der Höhe seiner Kunst, aus einer einzigen Keimzelle kraft beständiger Verwandlung einen sinfonischen Lebensbaum zu züchten. Dessen Panorama lässt vier Sätze erkennen, durch drei Intermedien locker verbunden. Unvermittelt schwingt der Donnergott Thor zu Beginn seinen Paukenhammer, um die Fruchtbarkeit der Erde wachzurufen, bevor polyphoner Bläsergesang daran erinnert, dass Holmboe bei dem dänischen Palestrina-Forscher Knud Jeppesen studierte. Eine imponierende Orchesterleistung, leider eher dürftig mit Beifall bedacht. Das kommt davon, wenn man das Publikum vorher mit Griegs barockseliger Holberg-Suite verwöhnt.

Wer das Violinkonzert von Sibelius zu kennen glaubte, der erlebte nach der Pause das Wunder einer Neugeburt. Unter den Fingern und der Bogenhand des Saitenakrobaten Sergey Khachatryan, dem eine Guarneri-Geige aus dem Vorbesitz des belgischen Virtuosen Ysaÿe gehorcht, glich es eher einer Luftspiegelung als einem realen Klangereignis. Rhapsode, orphischer Sänger, Spielmann Gottes – der Armenier wird allen Rollen gerecht. Das Publikum war außer sich vor Glück.

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