Hamburg

Anrührend ernsthafter Liederabend

Die noch sehr junge Russin Julia Lezhneva sang im Kleinen Saal der Laeiszhalle

Hamburg.  Eine russische Sopranistin? Na klar, Anna Netrebko. Das Riesenreich hat freilich noch andere Künstlerinnen hervorgebracht. Sehr andere sogar, etwa die Sopranistin Julia Lezhneva, 25 Jahre alt: blond und zart statt brünettes Vollweib, Pastelltöne statt Blingbling – und während Netrebkos Stimme in den letzten Jahren eine goldene Schwere erreicht, ist Julia Lezhnevas Timbre von einer ganz eigenen Helligkeit und Beweglichkeit. Wie nun bei ihrem Liederabend im Kleinen Saal der Laeiszhalle zu bewundern war.

Bei sehr jungen Künstlern – auch Lezhnevas Klavierpartner Mikhail Antonenko ist Jahrgang 1989 – kann man hinter dem, was bei den "Großen" unverrückbar da ist, mitunter noch die Entwicklungsschritte durchhören, vollzogene und bevorstehende. Das Liederabendprogramm war Lezhnevas erster Ausflug in die deutsche Romantik. In der Tat klebten an ihrer Darbietung von Robert Schumanns Liederkreis op. 39 noch ein paar Eierschalen. Fast nervös klang ihr Vibrato im einleitenden "In der Fremde", so als spürte sie die ganze Rezeptionsgeschichte dieses Schlüsselwerks auf ihren Schultern. Trotz eines leichten russischen Akzents sang sie textverständlich und deutete die Stimmungen und Bilder lebendig aus. Die äußerlich bewegteren Lieder lagen ihr spürbar mehr; fast verschwörerisch spielten sie und Anto­nenko mit dem koketten Beginn von "Die Stille". Doch die einfacheren Linien blieben ein wenig flach. Für den verrätselten Subtext dieses Zyklus braucht Lezhneva noch etwas Reifungszeit. Die hat sie ja.

Deutlich in ihrem Element zeigte sie sich nach der Pause mit hinreißend virtuosen Kabinettstückchen von Rossini und Bellini. Die Koloraturen flatterten locker, souverän beherrschte sie die ganze Verzierungskunst der Epoche, und jede kleine Nebensilbe hatte ihren Platz.

Antonenko war ein entschlossener, klanglich hochdifferenzierter Partner oder auch Gegenpol. In Schuberts Impromptu Ges-Dur führte er auch solo vor, wie räumlich polyfon er Musik begreift und welche Welten ihm allein im Piano-Bereich zur Verfügung stehen. Und in den abschließenden drei Schubert-Liedern entfalteten sie eine Romantik ganz ohne Pathos und Effekthascherei.

Anrührend altmodisch wirkten die beiden, fast noch verpuppt. Ob sie sich das in den rauen Gewässern des Musikbetriebs bewahren können?