Klassik

"Dunkle Saiten": Schwerstarbeit für einen Cellisten

In einer schattigen Ecke auf der Dachterrasse eines Hamburger Hotels durfte das
StradivariCello
von Jan Vogler gestern auch mal an die frische Luft

Foto: Laible

In einer schattigen Ecke auf der Dachterrasse eines Hamburger Hotels durfte das StradivariCello von Jan Vogler gestern auch mal an die frische Luft

Am Donnerstag führt der Cellist Jan Vogler das ihm gewidmete Konzert "Dunkle Saiten" von Jörg Widmann erstmals in Hamburg auf.

Der Komponist nennt sein Cellokonzert ein "Exzess-Stück", das sich "eine eigene, sperrige Form gesucht und mir die Wanderung durch extremste emotionale Bereiche abgetrotzt/ermöglicht hat". Als er es schrieb, um die Jahrtausendwende, war Jörg Widmann 26 Jahre alt, hatte gerade seinen Vater verloren und stand noch fast am Beginn seiner Karriere, die sich mittlerweile zu einer der größten Erfolgsgeschichten des Komponierens in Deutschland ausgewachsen hat. Mit seiner fortwährend ausgelebten Doppelbegabung als Klarinettist und Komponist zählt Jörg Widmann heute zu den bedeutendsten und gefragtesten Persönlichkeiten des internationalen Musiklebens. Jetzt ist jenes frühe "Exzess-Stück", das Cellokonzert mit dem Titel "Dunkle Saiten", erstmals in Hamburg zu erleben – mit dem Widmungsträger und Interpreten der Uraufführung, Jan Vogler.

Auch Vogler greift tief ins innere Wörterbuch, um dem Stück halbwegs auf den Begriff zu kommen. Es sei ein "monumentales emotionales Monster", ein "Stundenfresser", was die Vorbereitung darauf anbelangt, und, anders als etwa das Konzert von Elliot Carter, das ebenfalls höchste Ansprüche an den Virtuosen stellt, "unbeherrschbar". Im übrigen fechte man als Cellist einen Kampf mit dem Orchester aus, aus dem man nicht als strahlender Sieger hervorgehe. "Das Cello wird eindeutig besiegt vom Orchester."

Das dunkle, wie stets bei Widmann überaus klangsinnlich angelegte Werk hat vier Sätze, nimmt mit 45 Minuten Spieldauer eine komplette Konzerthälfte ein und bietet neben großem Orchesterapparat mit Klavier, Tiefstblä­sern und viel Schlagwerk auch noch zwei weibliche Singstimmen auf, die erst im Finale zum Einsatz kommen. Bis die textlosen Vokalisen der Sängerinnen ertönen, ist allerdings bereits eine gute halbe Stunde vergangen, in der der Solist am Cello ununterbrochen spielt. Eine Tour de Force, der sich auch außer Vogler bislang kein anderer Cellist ausgesetzt hat.

Vogler selbst hatte Widmann damals angestiftet, ein Konzert für Cello zu schreiben. "Er kannte mich als Spieler, wir hatten zusammen ein Trio. Als es dann an das Konzert ging, habe ich ihm viele Klänge gezeigt, denn er wollte so eine Art Spektrum haben", erzählt der Musiker, der zwischen Deutschland und New York pendelt, wo er mit seiner Familie in der Upper West Side Manhattans lebt. Dann aber habe er lange nichts mehr von Widmann gehört.

Bis eines Morgens die Noten in einer Schlangenlinie aus warmem Papier den Weg zu ihm fanden. "Ich hatte damals noch so ein Thermo-Fax", sagt Vogler. "Die Partitur kam höchstens vier Wochen vor dem Termin der Aufführung. Sie ratterte so durchs Fax, Seite für Seite, und ich dachte, jetzt kommt bestimmt mal eine Pause fürs Cello. Aber auf den ersten 50 Partiturseiten kam keine Pause. Erst dachte ich, das ist wahnsinnig. Aber dann habe ich verstanden, was er mit dem Stück wollte, und habe mich reinverliebt."

Zur Affinität zwischen Widmann und Vogler gehört auch die gemeinsame Vorliebe für Robert Schumann, dessen schweres, für Solisten mit ausgeprägtem Glanzbedürfnis so undankbares Cellokonzert Vogler von allen das liebste ist. Cello drückt sich hauptsächlich durch Gesang aus – das ist Voglers Credo, und so spielt er auch. "Das Schumann-Konzert schreit, verstummt manchmal vielleicht auch fast, hat aber immer diese gesangliche Komponente", sagt er. Man dürfe es nicht instrumental verstehen. Da sie sich über diesen Aspekt bei Schumann einig gewesen seien, sei Widmanns "Dunkle Saiten" gewissermaßen ein weitergedachter Schumann: "Da ist Gesang, Schrei, Sprache, Geste – das Stück ist immer sehr beredt. Und am Ende kommt diese Alban-Berg-Coda, wunderschön. Das Cello hat da eigentlich nicht mehr viel zu sagen, aber es schließt das Stück sehr poetisch ab. Auch Schumanns Poesie hat Jörg Widmann sehr inspiriert."

Vielleicht ist es die vielfach von "quälend langsamen Glissandi" (Partituranweisung) durchzogene Klangsprache, die das Werk so unbeherrschbar macht. Natürlich sei auch ein Dvořák-Konzert nie beherrschbar und entwickle sich hoffentlich immer weiter, sagt Vogler. "Dunkle Saiten" aber sei voller Unwägbarkeiten. Nachdem das Stück wohl acht Jahre lang ungespielt in der Schublade lag, habe er jetzt beim neuerlichen Erarbeiten des Parts sofort wieder neben den besonderen Farben des Stücks gespürt, dass immer ein "unfertiger Eindruck" bleibe: "Es ist ein Stück, mit dem man lebt, das muss man akzeptieren. Es ist sperrig. Aber ich mag sperrig."

Die Aufführung jetzt mit dem NDR Sinfonieorchester war mit dessen Chefdirigenten Thomas Hengelbrock schon vor Jahren besprochen, kaum dass der seinen Vertrag beim NDR unterschrieben hatte. Sie werde anders ausfallen als die Plattenaufnahme von 2001, sagt Jan Vogler. "Wenn man jung ist, ist man noch mehr Ästhet. Ich werde manches jetzt extremer spielen."

Jan Vogler & NDR Sinfonieorchester, Do, 12.3., 20.00, So, 15.3., 11.00, Laeiszhalle, Karten unter T. 44 19 21 92 oder www.ndrticketshop.de