Hamburg

Jungs im Niemandsland

Hamburg.  In seinem Roman „Als wir träumten“ erzählt Clemens Meyer voller Poesie und Härte vom Aufwachsen einer Jungsclique in einem Leipziger Vorort zu Beginn der 90er-Jahre. Sich in diesem Niemandsland zu orientieren und ihren eigenen Weg zu finden, fiel einigen nicht leicht. Regisseur Andreas Dresen („Halt auf freier Strecke“) hat den Roman mit Hilfe seines Drehbuchautoren Wolfgang Kohlhaase jetzt für die große Leinwand adaptiert.

Abendblatt: Was hat Sie zu diesem Projekt gelockt?

Andreas Dresen: Den Roman von Clemens Meyer habe ich schon gelesen, kurz nachdem er 2006 erschienen war. Es ist ein wildes, ungestümes Buch, hat in seiner Struktur ein kunstvolles Chaos und erzählt auf eine andere Weise von der Nachwende-Zeit, als man es bisher kannte. Bisher ging es ja in erster Linie um die Stasi und darum, wer in welcher Form in Schuld verstrickt war. Hier geht es um den Aufbruch von fünf Jungs in das Reich der Freiheit und darum, welche Möglichkeiten darin schlummerten.

Sie gelten nicht als der klassische Regisseur für Literaturverfilmungen.

Dresen: Man sieht bei mir eher die kleinen improvisierten Filme im Vordergrund. Dabei habe ich schon als Student eine Erzählung von Jurek Becker verfilmt, „Willenbrock“ geht auf einen Roman von Christoph Hein zurück.

Fühlen Sie sich einer Vorlage verpflichtet oder nehmen Sie sich trotzdem alle Freiheiten?

Dresen: Wenn ich eine starke Vorlage habe, fühle ich mich der verpflichtet. Trotzdem kann ein Film nur entstehen, wenn man eigene Wege beschreitet. Um ein Stück Literatur in einen Film zu verwandeln, muss man einiges verändern. Es geht darum, das Herz zu erhalten und es ins andere Medium zu transportieren.

Auf die Darstellung der Demos haben Sie verzichtet. So etwas sieht auf der Leinwand auch schnell merkwürdig aus.

Dresen: Ja, jeder kennt die Dokumentaraufnahmen aus dem Fernsehen, und wir hätten auch nicht das Geld gehabt, Hunderttausende Kleindarsteller auf den Leipziger Ring zu schicken. Man kann ja auch anders von der Zeitenwende erzählen: mit dem Auftauchen der Mikrowelle oder von Pornoheften. In Form solcher Details kommen politische Veränderungen ja im Alltag der Menschen an. Das hat uns im Roman bereits ungeheuer gefallen.

Sie haben hier einen relativ neuen Roman, der von jungen Leuten handelt, von einem sehr erfahrenen Drehbuchautor adaptieren lassen. Warum haben Sie sich den 83 Jahre alten Wolfgang Kohlhaase für diese Aufgabe ausgesucht?

Dresen: Ich fand es spannend, dass hier jemand mit dem Blick einer anderen Generation auf diesen Stoff guckt. Wolfgang ist in der Nachkriegszeit sozialisiert worden. Er hat seine Pubertät auf den Trümmern von Nazideutschland in Berlin erlebt und konnte dadurch auch Erfahrungen eines gesellschaftlichen Umbruchs einbringen, in dem plötzlich alles möglich erschien. Das sind Zeiten, in denen die alten Regeln plötzlich nicht mehr gelten, aber neue auch noch nicht da sind. Zwei ganz verschiedene Generationen erzählen hier über die Zeit ihrer Jugend. Ich zähle zur Generation dazwischen und konnte auch meine Erfahrungen einbringen. Dadurch wird eine Geschichte universaler und klebt nicht nur in der konkreten Handlungszeit. Natürlich spielt die Geschichte in Leipzig Anfang der 90er-Jahre, aber es ist auch eine Geschichte, die generell vom Erwachsenwerden in schwierigen Zeiten erzählt. Man wird vom Aquarium in den Ozean gekippt und darf sich umgucken. Das ist toll, denn es gibt viel zu entdecken.

Dieser Film wirkt härter und rauer als Ihre anderen Filme.

Dresen: Das kommt vom Roman. Ein Film, der diesem Roman folgt, kann nicht aussehen wie „Halbe Treppe“. Dann schon eher wie „Nachtgestalten“, wo ich auch schon solche Töne angeschlagen habe. Auch dort ging es um eine härtere Seite der deutschen Gesellschaft. Aber dieser Film war so viel lauter, leiser, dunkler, heller, schneller und langsamer als alles, was ich vorher gemacht habe. Er war für mich eine tolle Gelegenheit, mein Spektrum als Regisseur zu erweitern und neue Räume zu betreten.

Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass es immer noch erhebliche Unterschiede in der Wahrnehmung Deutschlands im Osten und im Westen gibt. Ist das auch eine ­Generationenfrage?

Dresen: Die Teilung Deutschlands wird erst verschwinden, wenn die letzten Leute gestorben sind, die sie noch erlebt haben. Ich hatte es in diesem Film ja mit einer Generation von Schauspielern zu tun, die allesamt nach dem Mauerfall geboren sind. Die haben diese Probleme gar nicht mehr so.

Mussten Sie ihnen viel erklären?

Dresen: Na klar. Die waren neugierig. Ich habe ihnen viel über die DDR und diese Zeit erzählt. Sie haben sich Filme angeschaut und Bücher gelesen. Sie waren danach ganz gut in Form, was diese Dinge betrifft und haben auch viel selbst eingebracht, womit ich manchmal gar nicht gerechnet habe. Joel Basman, der Schweizer ist, ruft bei einer Autofahrt plötzlich in die Runde: „Woraus sind wir auferstanden?“ Und die Jungs antworten ihm „Aus Ruinen, aus Ruinen.“ Um so etwas improvisieren zu können, muss man natürlich die DDR-Nationalhymne kennen.

Sie sind Vorsitzender des Stiftungsrates bei der DEFA-Stiftung. Was machen Sie?

Dresen: Es geht momentan in erster Linie um die Digitalisierung des Filmerbes. Die Stiftung kämpft darum, die Filme vorführbar zu erhalten. Dazu müssen die alten Negative restauriert und digitalisiert werden, teilweise auch die Tonspuren. Es gibt nur noch wenige Kinos, die 35-Millimeter-Kopien vorführen können. Das hat sich in den vergangenen Jahren rasant verändert. Die alten Filme müssen ins neue Medium übertragen werden, was wahnsinnig viel Geld kostet. Es ist auch politisch eine Herkulesaufgabe. Sonst können wir alte Filme nur noch auf DVD ­gucken, was ziemlich bitter wäre.

Wir haben zurzeit mit Monika Grütters eine Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, die ein ausgesprochener Filmfan ist.

Dresen: Ihre Geldtöpfe sind aber auch nicht unerschöpflich. Soviel ich weiß, stellt sie für dieses Jahr eine Million Euro für diese Zwecke zur Verfügung. Das ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber immerhin ein Anfang. Auch die Filmemacher spüren: Es betrifft uns ja alle. Mein Film „Nachtgestalten“ ist 15 Jahre alt. Der kann mittlerweile nicht mehr gezeigt werden, weil es davon nur 35-Millimeter-Kopien gibt. Je mehr Aufmerksamkeit in der Branche entsteht, desto mehr wird vielleicht auch die Politik helfend eingreifen. Film ist Kultur, und genauso, wie Bibliotheken und Museen erhalten werden müssen, trifft das auch auf das Filmerbe zu.

„Als wir träumten“. Preview mit Wolfgang Kohlhaase, Peter Rommel und Gästen: Sa. 20.40 Uhr, Abaton