Ernst Barlach Haus

Wilhelm Morgner, ein Maler zwischen van Gogh und Pop-Art

Foto: Kunstmuseum Wilhelm-Morgner-Haus,Soest Foto: Thomas Drebusch/ZGBZGH

Das Ernst Barlach Haus zeigt Wilhelm Morgner, einen bedeutenden Expressionisten, der im Ersten Weltkrieg gefallen ist. Weil er im Krieg gefallen war, dauerte seine Karriere nur wenige Jahre.

Hamburg. Was wäre geschehen, wenn die Karriere dieses außergewöhnlichen Künstlers nicht nur wenige Jahre gedauert hätte? Wenn er nicht 26-jährig im Ersten Weltkrieg gefallen wäre, sondern die Chance gehabt hätte, sich weiterzuentwickeln, länger zu reifen und an der Kunstentwicklung des 20. Jahrhunderts weiterhin teilzuhaben?

Wie vielversprechend der Maler Wilhelm Morgner (1891–1917) gewesen ist, zeigt das Ernst Barlach Haus jetzt in einer Ausstellung. Kaum zu glauben, dass wir es hier mit Werken aus nur vier Jahren zu tun haben. Es ist das kraftvolle künstlerische Statement eines jungen Mannes, der vielfältige Anregungen aufnahm, von Rembrandt über van Gogh und Ferdinand Hodler bis hin zu den französischen Neoimpressionisten, diese Impulse aber auf ganz eigene Weise auffasste und zu kühnen Kompositionen von enormer Farbkraft gestaltete.

Seine Selbstporträts loten die eigene Persönlichkeit aus

Das früheste Bild der Hamburger Ausstellung stammt von 1910, ein Gemälde, auf dem sich Morgner in Gehrock und Zylinder technisch virtuos dargestellt hat, eines von fast 20 gemalten Selbstporträts und weiteren 85 solcher Motive auf Papier, von denen auch einige zu Beginn der Schau zu sehen sind. Sie zeigen einen ebenso selbstbewussten wie schonungslosen Umgang mit der eigenen Physiognomie, sind aber keine grüblerische Selbstbefragung, sondern vielmehr eine spielerische Auslotung der Möglichkeiten der eigenen Persönlichkeit: Das alles steckt in mir, das alles könnte ich sein – ein unerwartet moderner Ansatz. Er selbst notiert dazu: "Ich möchte mich ganz auflösen und in unzähligen Leben mich offenbaren."

Morgner kam aus der Provinz, wurde 1891 als Sohn eines Bahnschaffners im westfälischen Soest geboren. Als Kind war er ein Außenseiter, fühlte sich in der Schule unverstanden, von den Lehrern schikaniert. Er versuchte sich den Konventionen zu entziehen, verließ die Schule vor dem Abitur und wandte sich der Kunst zu. Dabei blieb er Autodidakt, erhielt nur eine kurzzeitige Ausbildung in Worpswede an der privaten Kunstschule von Georg Tappert, mit dem er anschließend freundschaftlich verbunden blieb und mit dem er auch lebenslang korrespondierte. Als 18-Jähriger richtete er sich in Soest ein Atelier ein, um als freischaffender Künstler zu leben. Er malte Porträts von Menschen, die er kannte, beschäftigte sich mit der Landschaft und zeigte – in einem Farbenladen seiner Heimatstadt – die erste kleine Ausstellung.

Er passt eigentlich nicht in die Provinz

Aber obwohl er sich der heimatlichen Landschaft stark verbunden fühlt, passt er mit seinem künstlerischen Konzept eigentlich nicht in die Provinz. Durch die Vermittlung von Georg Tappert lernte Morgner 1912 in Berlin Franz Marc kennen. Wassily Kandinsky, dem seine Zeichnungen vorgelegt wurden, äußerte sich positiv zu dem jungen Maler, der sich daraufhin an der zweiten Ausstellung des Blauen Reiters in München beteiligen konnte – ein enormer Erfolg, wie auch ein Jahr später die Beteiligung an der IV. Juryfreien Kunstschau in Berlin.

Morgners kraftvolle und farbintensive Bilder zeigen Anklänge von van Gogh, Delaunay, aber auch von Jawlensky und erinnern – vor allem infolge des pointillistischen Malduktus – an Paul Signac, in ihrer Farbigkeit aber auch an Ferdinand Hodler. Doch Morgner ist kein Epigone, sondern experimentiert mit unterschiedlichen Ausdrucksformen, wobei er sich mitunter auf recht eigenwillige Weise im Motivbereich der christlichen Ikonografie bedient, wozu ihn die sakrale Kunst seiner unmittelbaren Heimat gewiss angeregt hat. Seine 1912 gemalte "Kreuzabnahme mit Mann im Frack", in der auch seine problematische Beziehung zum weiblichen Geschlecht aufscheint, wurde in Soest als Skandal empfunden, was den Künstler durchaus nicht störte.

Er starb im August 1917

1913 feierte er mit der Teilnahme an der Sonderbund-Ausstellung noch einen Erfolg, während er in seiner Heimatstadt in einen Kunststreit mit dem örtlichen Museumschef verwickelt wurde. Seit der folgenden Einberufung zum Militär konnte Morgner nicht mehr in Öl malen. Als er am 16. August 1917 in Flandern fiel, trug er sein letztes Werk bei sich: die Radierung "Große Kreuzigung", die er auf Dosenblech geritzt hatte.

Auskunft über die letzte Lebenszeit geben in der Ausstellung vor allem die reich illustrierten Briefe, die er an Georg Tappert schrieb und die heute zur Künstlerpost-Sammlung des Altonaer Museums gehören. Interessant an Morgner ist nicht nur der expressive Malgestus und seine Farbenkraft, sondern auch die Selbstverständlichkeit, mit der er in seinen von Tappert als "ornamental" und astral" bezeichneten Kompositionen die Grenzen zur Abstraktion überwunden hat.

Allerdings blieb er keineswegs darauf beschränkt, denn auch in seinen letzten Gemälden behielt die Gegenständlichkeit Bedeutung, manchmal in farbigen Kompositionen, die in ihrer signifikanten konturierten Darstellung beinahe an Keith Haring erinnern.

"Ins unermessliche Vielleicht!" Wilhelm Morgner. Malerei. 1910–1913, Ernst Barlach Haus, Jenischpark, bis 1.2.2015, Di–So 11.00–18.00

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