Internetfirma Twitter steht vor dem Umzug nach Hamburg

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Kurznachrichtendienst verlegt seine Zentrale in Deutschland nach Abendblatt-Informationen von Berlin an die Elbe. Zum 1. August übernimmt Thomas de Buhr die Leitung von Twitter Deutschland.

Hamburg. Der Kurznachrichtendienst Twitter plant, seinen Sitz nach Hamburg zu verlegen. Nach Informationen des Abendblatts steht die Deutschland-Zentrale der Internetfirma kurz vor dem Umzug aus Berlin in die Hansestadt. Die Suche nach einer Immobilie in der City sei praktisch abgeschlossen. Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren gibt es damit entsprechende Informationen über die Ansiedlung von Twitter in Hamburg. Auch wenn das Unternehmen selbst mit Kommunikation sein Geld verdient, wenn der Papst über seinen Twitter-Account @Pontifex zu Jugendlichen spricht, wenn während der WM 672 Millionen Tweets zum Turnier verschickt wurden, zu der aktuellen Nachricht über die eigene Strategie hält sich der Dienst bisher bedeckt: Am Dienstag war zum Thema Standortwechsel nach Hamburg kein Kommentar von dem börsennotierten Konzern zu bekommen.

Das Unternehmen aus San Francisco würde an der Elbe auf gute Gesellschaft treffen: Auch die US-Konzerne Google, Facebook und Airbnb haben sich bei ihren Deutschland-Büros für den Standort Hamburg entschieden. Das soziale Netzwerk Xing hat seine Wurzeln in der Hansestadt und sitzt nach wie vor am Gänsemarkt – auch wenn der Gründer Lars Hinrichs seiner Heimatstadt nicht unbedingt die besten Noten gibt: "Berlin ist sexy, Hamburg nicht."

Der Umzug von Twitter ist aber nicht allein mit einer Art Herdentrieb zu erklären: Zum 1. August übernimmt Thomas de Buhr die Leitung von Twitter Deutschland. Der Manager kommt von Google, ebenfalls mit Sitz in der Nähe des Gänsemarkts, und lebt bereits in Hamburg. Bei Google hat der 45-Jährige bisher den Filmdienst YouTube vermarktet. Außerdem leitete er die Zusammenarbeit des Suchmaschinenbetreibers mit den Herstellern von Markenartikeln.

Bei Twitter wird der Marketingexperte einen Vertriebsbereich aufbauen und ein Team leiten, das Kontakte zu Medien und Agenturen knüpfen soll. Das Ziel: Die Internet-Gerüchteküche soll mehr Geld mit Werbung verdienen, denn dies ist bis heute praktisch die einzige Erlösquelle des 2006 gegründeten Unternehmens. Auch für diese Herausforderung gilt Hamburg als der ideale Einsatzort. Schließlich sitzen hier mit Jung von Matt, Thjnk oder Kolle Rebbe etliche große Werbeagenturen, die ihr Digitalmarketing immer weiter ausbauen. Auch wenn Berlin für kleine Start-ups reizvoll ist, weil Mitarbeiter günstig zu bekommen sind und die Stadt für internationale Fachkräfte attraktiv ist – über die Millionenetats für Werbung wird nach wie vor in Hamburg verhandelt. Hier sitzen mit Gruner + Jahr oder Bauer große Medienhäuser, hier entscheiden Beiersdorf, Philips oder Unilever, wie sie ihre Produkte bei den Kunden am besten bekannt machen und in welche Kanäle die Marketingausgaben fließen.

Genau auf diese Geldquellen hat es Twitter derzeit abgesehen. Auch wenn die Kurznachrichten bei der Fußball-WM von den Fans munter genutzt wurden, um sich über die erfolgreiche deutsche Nationalelf zu freuen und den Finalsieg zu feiern, so recht abheben kann der Dienst zwischen Passau und Flensburg bisher nicht. Die Deutschen sind Twitter-Muffel. Hier fehlen die zugkräftigen Promis, während in den USA Ashton Kutcher oder Rihanna über den 140-Zeichen-Dienstes aus ihrem Liebesleben plaudern. In Deutschland sitzen auch die Technikskeptiker, denen sich bei Themen wie Datenschutz oder mangelnder Privatsphäre die Nackenhaare aufstellen. In Berlin beschäftigt das Unternehmen zudem derzeit nur eine Handvoll Mitarbeiter.

Rowan Barnett, Vorgänger von de Buhr an der Spitze des kleinen Teams, soll sich denn auch ab sofort um mehr Nutzer bemühen. Bisher sind bei Twitter im deutschsprachigen Raum neun Millionen Menschen registriert, aber nur 1,4 Millionen schreiben eigene Kurznachrichten. Die Beliebtheit bei den Internetsurfern ist nach dem Börsengang im vergangenen Jahr zu einer Schlüsselfrage für die Firma geworden. Im Schlussquartal hatten sich trotz des Börsenrummels lediglich neun Millionen Menschen neu registriert. Zum Jahreswechsel zählte Twitter insgesamt 241 Millionen Nutzer weltweit. Zugleich war die Aktie abgesackt. Die Erwartungen an den neuen Deutschland-Chef de Buhr, der vor seiner Zeit bei Google unter anderem bei Mars und bei ProSiebenSat.1. arbeitete, sind hoch. Aber immerhin wird er sich auch in Zukunft noch abends an der Alster entspannen können.