Thalia Theater

Mit "Front" zum Sommerfest im Schloss Bellevue

Foto: Roland Magunia

Bundespräsident Joachim Gauck lädt das Thalia Theater mit seinem Weltkriegs-Drama "Front" in seinen Garten ein. Gauck hat damit erstmals ein deutsches Staatstheater zu Gast.

Hamburg. Wenn heute Abend Bundespräsident Gauck das alljährliche Sommerfest im Berliner Schloss Bellevue eröffnet, wird ganz oben auf dem dort präsentierten Kulturprogramm auch ein Gastspiel des Thalia Theaters stehen: Luk Percevals Inszenierung "Front". Gauck, der in seiner Amtszeit das Fest als Bürgerfest mit Kulturprogramm, mit Diskussionen und Konferenzen gestaltet, hat zum ersten Mal ein deutsches Staatstheater zu Gast.

"Front" wurde als wichtigster kultureller Beitrag im Gedenkjahr an den Ersten Weltkrieg erklärt, und Regisseur Luk Perceval hat das Stück als mehrsprachiges Projekt inszeniert. Perceval und sein multinationales Ensemble – der Abend ist eine Koproduktion mit dem NTGent – realisieren Stimmung und Atmosphäre von Einsamkeit und Verzweiflung, Bürokratie und Ausgeliefertsein. Sie zeigen den Menschen als ein von mechanischen Gewalten getriebenes Etwas. Die Aufführung wurde bereits zu einigen internationalen Festivals eingeladen. Die Inszenierung, eine Polyfonie, eine Performance, mischt Erich Maria Remarques Anti-Kriegsroman "Im Westen nichts Neues" mit Zeitdokumenten aus dem Ersten Weltkrieg sowie Henri Barbusses "Le Feu", der aus der Sicht eines französischen Soldaten erzählt. Vier Sprachen werden gesprochen, Deutsch, Französisch, Flämisch und Englisch, von Menschen, die der Krieg zu Feinden macht. Zu den Mitspielern gehören Bernd Grawert und Burghart Klaußner.

"Mitglieder des Bundespräsidialamtes haben sich 'Front' schon zweimal angeschaut und waren begeistert", berichtet Thalia-Intendant Joachim Lux auf dem Weg nach Berlin. Dort wird das Thalia an zwei Tagen auch beim internationalen Festival "Foreign Affairs" gastieren, mit "Ende einer Liebe". Am Sonnabend ist Hamburgs viel gefragte Bühne dann in Dresden mit der Inszenierung "Jeder stirbt für sich allein", während "Front" am Sonnabend Nachmittag schon wieder in Hamburg, am Thalia, zu sehen sein wird.

Beim Bundespräsidenten-Fest, zu dem im vergangenen Jahr 15.000 Gäste kamen, wird das Thalia auf einer eigens auf der Wiese errichteten Open-Air-Bühne spielen. ",Front' ist ein Requiem für den unbekannten Soldaten, kein Theaterstück im klassischen Sinne", hat Luk Perceval gesagt, "mit den Worten und Geschichten, die die Zuschauer hören, können sie sich identifizieren."

Genau so ist es. Der Abend ist ein Erlebnis aus Stimmen und Klängen, kein Handlungsablauf definiert ihn. Trotzdem fühlt man sich mitgenommen ins Kriegsgeschehen, ins allgemein menschliche Leiden. Die einfachen Soldaten, die Mutter, die Krankenschwester, sie alle erzählen das Gleiche von den Schrecken des Krieges, sie sind Opfer, sie leiden unter Verwundung, Tod, Zerstörung, auch psychischer Art.

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