Edita Gruberova trillert und gurrt in schwindelerregenden Höhen

Hamburg . Wenn eine Schönstsängerin wie Edita Gruberova ein Opernhaus mit einer konzertanten Belcanto-Vorführung beehrt, wird gern nach der Devise "Du sollst keine Göttlichen engagieren neben ihr" verfahren. Also: den Superstar ins Rampenlicht, daneben gehobene Stimm-Statisterie für die Überbrückung der weniger kostbaren Zeit bis zur Schlussarie. Bei Donizettis Giftmischerinnen-Drama "Lucrezia Borgia", für drei Abende in der Staatsoper gebucht (die folgenden sind ausverkauft) wurde diese Regel nicht beachtet. Da war tatsächlich Ensemblegeist mit im Spiel, das es nicht gab.

La Gruberova hatte drei beachtliche Kolleginnen und Kollegen in größeren Partien neben sich, die durchaus in der Lage waren, sich dieser einschüchternden Herausforderung zu stellen. Und das in einer jener sehr vielen Donizettis, bei denen die Steckbaukasten-Handlung vor allem Mittel zum musikalischen Zweck ist.

Gruberova schuf sich ihre Abgründe in der Titelrolle selbst, mit nach wie vor stupender Kontrolle über ihre fast nie die Wirkung verfehlende Technik, derart verfeinert und variabel, dass man auch nur staunen kann. Ihre Special Effects beherrscht sie nach wie vor, kann in schwindelerregenden Höhen trillern und gurren und andererseits ins kehlige Barmen verfallen. Auf José Bros als verheimlichter und am Ende vergifteter Sohn Gennaro war von Anfang an Verlass. Ein Tenor, der für zwei singt und mit einer Kraft im Ton, die auf kurze Distanz wahrscheinlich Möbel abbeizen könnte, was überhaupt nicht abwertend gemeint ist. Als schmierlappiger Gegenpart Don Alfonso großartig, weil er szenische Präsenz und Temperament ins Rampenstehen brachte: Adrian Sâmpetrean. Cristina Damian, die in York Höllers "Der Meister und Margarita" gefeierte Margarita, holte als Maffio das Beste aus dieser Partie heraus. Einziges Manko in diesem Aufgebot war der Gastdirigent Pietro Rizzo, der bei aller Bemühtheit nur wie ein bemühter Maestro im zweiten Lehrjahr agierte. Auf Schmelz und Sinnlichkeit durfte man warten, Rizzo ließ Donizettis Musik oft so schablonig und fade klingen, wie sie nicht gedacht ist. Die Diven-Bejubelung nach dem Finale machte dann aber wieder klar, um wen sich hier alles drehte.

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