Hamburgische Staatsoper

Edita Gruberova: Für sie klatschen Fans eine Stunde lang

Foto: Roland Magunia

Es gibt noch Restkarten für die Premiere an diesem Mittwoch um 19 Uhr. Weltstar Edita Gruberova singt die Titelpartie in drei konzertanten Aufführungen von Gaetano Donizettis "Lucrezia Borgia" an der Staatsoper. Eine Begegnung.

Hamburg. Sie hätte es hübsch für sich behalten können, das Geheimnis ihres anhaltenden Bühnenerfolgs in einem Alter, in dem sich das Gros der Kolleginnen von früher längst der Gesangspädagogik, der Rosenzucht oder anderen erbaulichen Tätigkeiten abseits öffentlicher Aufmerksamkeit widmet. Aber Edita Gruberova mag sich nicht mit fremden Federn schmücken. Sie erzählt bereitwillig, wessen Impulsen sie die ausdauernde, nun nuanciert andersfarbige Blüte ihrer begnadeten Belcantostimme verdankt. Die Wundertäterin heißt Gudrun Ayasse. Sie lebt in München, coacht Profis im bestmöglichen Gebrauch ihrer Stimme und müsste angesichts solcher Vorzeigeschülerinnen wie Edita Gruberova eigentlich bis ans Ende des Jahrzehnts ausgebucht sein.

Keine der Sängerinnen jedoch, die ihr spätes Stimm-Wunder bestaunen und denen sie Namen und Nummer ihrer Trainerin gab, hat sich bislang demselben Exerzitium unterziehen wollen, das die oft als "slowakische Nachtigall" titulierte Gruberova mit Ende 50 auf sich genommen hat: den kompletten Umbau ihrer Gesangstechnik. Bis sie Zwerchfell, Atmung, Kehle, Mund, Nase und allen andere zum Zwecke des Singens notwendigen Körperteile so neu auf Spur gebracht hatte, dass nicht nur eine in ihr nagende Schwäche bei leise gesungenen hohen Tönen beseitigt war, sondern das Singen überhaupt sich (wieder) richtig anfühlte für sie, auch und vor allem auf der Bühne, unter Dampf: Dafür hat sie drei Jahre gebraucht. Das Rüstzeug vermittelte Ayasse ihr in 20 Unterrichtsstunden. Doch das Bewusstsein umfärben und dieses andere Bewusstsein dauerhaft wachhalten, nachdem man ungefähr 40 Jahre lang etwas falsch gemacht hat, das man stets für richtig hielt, das ist richtig Arbeit. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Bis heute hört Gruberovas Stimm-Guru jedes neue Programm und kommentiert, was ihr auffällt. "Irgendwas findet sie immer", sagt Gruberova lächelnd. "Und sie hat jedes Mal recht."

Viele der kaum zählbaren glühenden Fans der Edita Gruberova wollen vermutlich lieber nicht zu genau wissen, mit welch rigorosem Qualitätsanspruch die von ihnen so Verehrte an diesem Gesang arbeitet, der ihrem Mund in den berückendsten Windungen so scheinbar mühelos entströmt. "Ich singe ja nur Belcanto", sagt sie wenige Tage vor der Premiere ihres Gastauftritts an der Hamburgischen Staatsoper, wo sie ab dem heutigen Mittwoch konzertant in der Titelrolle von Gaetano Donizettis "Lucrezia Borgia" zu erleben sein wird.

Doch ach!, nur Belcanto, von der Gruberova gesungen: Das ist für viele mehr als genug. Es ist ihr Manna, ihre Götterspeise, ihre Droge. Nicht wenige reisen der Diva, die so wenig Divenhaftes an sich hat, zu ihren Auftrittsorten hinterher. Sie brauchen dieses süße Nachtigallengift im Ohr, zum Glücklichsein oder damit die Tränen fließen können. Was am Ende auf dasselbe hinausläuft.

Die außerordentliche Wirkungsmacht ihrer Singstimme verdankt Edita Gruberova neben Talent und Disziplin auch einer im Opernbetrieb eher wenig geschätzten Eigenschaft: Lebenserfahrung. "Die Technik ist die eine Hälfte, die andere das, was aus dem Herzen kommt, aus der Seele", sagt Gruberova in ihrem weichen, slowakisch gefärbten Deutsch. Hätte sie ein leichteres Leben gehabt, sänge sie vermutlich anders. Wohl war die in Rača, einem Vorort von Bratislava, verbrachte Kindheit von Gesang geprägt – Gruberova war ein Naturtalent. "Aber meine Familie war nicht so glücklich, die Ehe auch nicht", erzählt sie.

Als es für die 1946 geborene Sopranistin mit 24 Jahren schließlich von der damaligen CSSR ganz in den Westen ging, nach Wien, wo sie 1970 einen Engagementsvertrag bekam, nahm sie die Mutter mit. Der Vater blieb zurück, sie hat ihn nie wiedergesehen. "Jahre später erfuhr ich, dass er gestorben war." Gruberovas eigene Ehe mit Stefan Klimo, dem Vater ihrer Töchter, ging schief, Klimo beging später Selbstmord. Die Kinder zog die Sängerin zunächst mithilfe ihrer Mutter groß, doch die starb 1984.

Vor 30 Jahren war es noch schwieriger als heute für eine Künstlerin in der Gruberova-Liga, Weltkarriere und Familie miteinander irgendwie in Einklang zu bringen. Heute finden es alle ganz toll, wenn etwa die junge Top-Koloratursopranistin Diana Damrau ihren Säugling zwischen den Proben fern der Heimat stillt. Eine ganze Entourage reist mit, Mann oder Eltern, Kindermädchen, die Gagen sind entsprechend. Auch Gruberova wurde damals von mancher hochberühmten Kollegin um ihre Kinder beneidet. Aber tauschen mochte keine mit ihr. Kein Wunder bei damals 12.000 Schilling Anfangsgehalt (etwa 1400 D-Mark). "Wir wollen doch Karriere machen", hieß es dann immer.

Als die Gruberova an der Wiener Staatsoper ihren Vertrag löste, in die Schweiz übersiedelte und freiberuflich arbeitete, wurde es richtig schwierig. "Von nun an musste ich reisen. Einem Kind ist es ganz egal, ob die Mutter berühmt ist oder nicht. Sie haben mir das oft vorgehalten, was für ein Problem das für sie war: Mama ist nicht da."

Es klingt alles andere als glamourös, wie die Gruberova das strukturelle Dilemma zu lindern versuchte. "Ich habe vorgekocht, in Portionen geteilt und eingefroren und alles vorbereitet, so gut es ging. Aber das hat ihnen auch nicht gemundet." Töchter können sehr übel nehmen. Die jüngere der beiden arbeitet mittlerweile im selben Metier, sie ist Opernregisseurin.

Die Tochter Barbara Klimo repräsentiert mit ihren Arbeiten ein Regietheater, das der Frau Mama zwar beflissene Bewunderungsrufe entlockt, weil das Kind hat ja so viel Fantasie und erarbeitet sich die tiefgründigsten Konzepte. Im Grunde aber behagt es der Gruberova eher wenig, dieses Regietheater, schon allein deswegen, weil sie nicht einsieht, weshalb sie für sechs Wochen Probenzeit bei szenischen Produktionen sechs Wochen Lebenszeit, Kraft und Energie opfern soll. Nein, konzertante Aufführungen sind ihr viel lieber. Da ist sie ganz bei sich, bei den herrlichen Subtilitäten ihrer Stimme, nah bei ihrem Publikum. Da wirkt sie in einem Raum, den sie etwas elegisch den "Umkreis öffentlicher Einsamkeit" nennt. Ihn umgibt eine unsichtbare Membran. Je durchlässiger die an einem Abend wird, desto größer das Glück für alle Beteiligten. Bis der Schlussapplaus einsetzt, der bei Gruberova-Abenden auch mal über eine Stunde dauern kann. Geschrei, Entzücken, Seligkeit der Fans nimmt sie gelassen hin. Da ist die Diva dann sehr geduldig.

"Lucrezia Borgia", Staatsoper, Mi, 26.3., 19 Uhr (Premiere), Restkarten unter T. 35 68 68 und an der Abendkasse; übrige Vorstellungen sind ausverkauft

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.