Thalia-Schauspieler gestorben

Hans Christian Rudolph: Für immer Platonow

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Der langjährige Thalia-Schauspieler Hans Christian Rudolph ist im Alter von 70 Jahren in Hamburg gestorben. Der "Platonow" war symptomatisch für Rudolphs hohe Darstellungskunst.

Hamburg. Einer der ganz Großen des Theaterlebens ist gegangen. Der Schauspieler Hans Christian Rudolph ist tot. Er starb am Donnerstag im Alter von 70 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit in Hamburg. Legendär ist bis heute ist sein Auftritt in Jürgen Flimms "Platonow"-Inszenierung von 1989. Fast beiläufig betrat der Titelheld die Bühne, die Figur, dieses charmante von Tschechow erfundene Ekel eher verbergend als in den Vordergrund spielend. Gleichzeitig gab er der Rolle mit Leichtigkeit und zerzaustem Witz die Aura eines Landneurotikers an der man sich nicht sattsehen konnte.

Rudolph und Flimm waren eine dieser raren, Sternstunden garantierenden künstlerischen Verbindungen aus Regisseur und Schauspieler, so wie Frank Castorf und Henry Hübchen, Martin Kusej und Werner Wölbern. "Er war ein sehr kluger, Schauspieler. In der Wahl seiner Mittel immer ganz sicher und gestochen scharf im Denken, so dass er immer ganz geradeaus und genau gespielt hat. Dabei verfügte er auf der Bühne über einen großen Charme", sagt Jürgen Flimm. "Er war der beste Schauspieler, mit dem ich gearbeitet habe und auch der wichtigste."

Der "Platonow" war symptomatisch für Rudolphs hohe Darstellungskunst. Auf der Bühne war er ein Garant für Eleganz, Grandezza, filigrane Textarbeit und immer auch einen feinen Unterton der ironischen Distanz. Auftrumpfen war seine Sache nicht. Kern seines Spiels war häufig das Aussparende. Rudolph, der Mann mit dem markanten Gesichtszügen und dem dichten, dunklen Haar hat nebenbei fast einen neuen Schauspielertyp etabliert, lässig und uneitel.

Damit zählte Rudolph zu den Stars des Thalia Theaters, dessen Ensemble er von 1974 bis 1978 erst unter dem Intendanten Boy Gobert, und von 1986 bis 2003 mit Unterbrechungen unter Jürgen Flimm angehörte. In dessen "Platonow"-Inszenierung erlebte er seinen größten Triumph und erhielt für seine Darstellung den Gertrud-Eysoldt-Ring. Außerdem feierte er als "Onkel Wanja", "Tartuffe" und im "Kaufmann von Venedig" Erfolge, stand auch in Frankfurt, Berlin, Wien, Essen und Köln in Inszenierungen von Luc Bondy, Jürgen Gosch und Andrea Breth auf der Bühne.

Der 1943 in Metz geborene Rudolph war Teil einer berühmten Theaterfamilie. Sein Vater Hans-Georg Rudolph war Schauspieler und unter anderem Generalintendant des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Bruder Niels-Peter Rudolph war von 1979 bis 1984 Intendant des Deutschen Schauspielhauses und führt bis heute Regie, sein Neffe Sebastian Rudolph zählt zu den ausgewiesenen Protagonisten im aktuellen Ensemble des Thalia Theaters unter Intendant Joachim Lux.

Hans Christian Rudolph liebte seinen Beruf nicht uneingeschränkt. Er galt als Zweifler, den manchmal auch eine Scheu erfasste. Gleichwohl drängte es ihn auf die Bühne, die ihm, wie allen Großen seines Fachs, manchmal auch zur Last wurde. Privat zog er den beliebten westlichen Stadtteilen in Hamburg den weniger glamourösen Osten vor und lebte in Hamburg-Hamm und in Berlin. Dort, "wo mich keiner so rasch als Schauspieler erkennt."

Sein endgültiger Abgang vom Thalia Theater 2003 geriet noch einmal zum grandiosen Schlusspunkt. Stephan Kimmig, einer der erfolgreichen Regisseure der jüngeren Generation, inszenierte den Filmerfolg "Das Fest" nach Thomas Vinterberg, ein Familiendrama, in dessen Zentrum Rudolph als Sippenboss und Patriarch Helge glänzte, ein Machtmensch, der seine Kinder jahrelang missbraucht hat. Bei Rudolph erhielt er so viele sensible Untertöne, dass er zu Beginn sogar noch Sympathie erzeugte. Das Thalia-Ensemble hat er mal als eine "Insel der Seligen" bezeichnet. Dennoch genoss er nach seinem Abgang ein Leben als freier Schauspieler ohne Probenstress.

Seine Tochter Sascha Icks spielt im Ensemble des Theater Bremerhaven. Und wie es die Weltläufe manchmal wollen, glänzt heute sein Neffe Sebastian Rudolph, "Schauspieler des Jahres 2012" als "Faust" in Nicolas Stemanns hochgelobter Inszenierung auf der Thalia-Bühne. Hans Christian Rudolph gab den Sinnsucher seinerzeit 1983 in Jürgen Flimms Inszenierung am Schauspiel Köln. Da schließt sich auf wunderbare Weise der Kreis.

Die Theaterkunst ist eine flüchtige, geschaffen für den Augenblick. Ihre wahrhaftigen Momente aber bleiben im kollektiven Gedächtnis. Das Hamburger Publikum wird Hans Christian Rudolph als einen der ganz Großen in Erinnerung behalten.

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