Ausstellung

Comic-Ausstellung: Mehr als nur Superhelden

Foto: © Ulli Lust

Eine sehenswerte Comic-Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe beleuchtet das facettenreiche Genre. Zu sehen sind auch Arbeiten der Österreicherin Ulli Lust

Hamburg Müßiggang ist aller Laster Anfang, das haben schon der Hans-guck-in-die-Luft und der fliegende Robert aus dem "Struwwelpeter" schmerzvoll lernen müssen. In der neuen Ausstellung "Comicleben – Comiclife", die jetzt im Museum für Kunst und Gewerbe eröffnet wurde, erzählt davon "Die Geschichte vom Franz, der nicht arbeiten wollte". Am Schluss der brutalen Bilderfolge erfährt der Herumtreiber die "gerechte Strafe" und wird von einer Säge durchgeteilt. Aber keine Bange, der Tischler klebt ihn wieder zusammen, und fortan ist er brav und fügsam, der Franz.

Es ist schon ein ziemlich weiter Bogen, den der junge Kurator Dennis Conrad da geschlagen hat. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Museum Europäischer Kulturen in Berlin, wurde in Hamburg aber ergänzt durch Arbeiten von 20 Studenten des Studiengangs Illustration an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW): Auf einer Spiegelwand sind die Titelblätter von Graphic Novels ausgebreitet, die HAW-Absolventen veröffentlicht haben, anschließend schlendert man an Vorzeichnungen, Entwürfen und Fragmenten vorbei.

Aus hauseigenen Beständen kommt eine Bildergeschichte von William Hogarth (1745) hinzu: Sechs Radierungen, die gnadenlos den "Niedergang einer Geldheirat" schildern, inklusive grässlichem Selbstmord am Ende. Das Comic-Genre ist mitnichten im 20. Jahrhundert entstanden, es hat viele Vorläufer, von denen man hier, in dieser schön und attraktiv gemachten Ausstellung, eine Reihe von Beispielen sehen und vor allem lesen kann.

Dennoch ist sie nicht chronologisch aufbereitet, sondern erschließt sich anhand von sechs Biografien, die unterschiedliche Aspekte repräsentieren. Der berühmte Comiczeichner Marco Djurdjevic ist dabei, die preisgekrönte Graphic-Novel-Zeichnerin Ulli Lust, ein Galerist, ein Comicforscher, ein Verleger und eine junge Frau, die sich als "Cosplayerin" auslebt – in Kostümfesten und -wettbewerben, zu denen bundesweit Manga-Fans anreisen, um sich in Gestalt ihrer Lieblings-Nymphe, -Elfe oder -Kampfamazone zu zeigen. Unweit der Cosplayer-Ecke kann man sich auf großen Tablets mit der relativ neuen Form des Webcomics vertraut machen, der teilweise sogar interaktiv ist. Die Bildergeschichten hier sind allerdings nicht sonderlich spannend. Doch dann kommen die Superhelden, vom serbischen Zeichner Marko Djurdjevic so dramatisch wie modern in Szene gesetzt. Nachdem er sich in San Francisco aus dem Nichts zum Hauptkünstler des US-Comic-Verlags Marvel hochgearbeitet hatte, gründete er in Berlin seine Firma "sixmorevodka", die sich hier sehr knallig präsentiert. Aber wie soll sich auch jemand, der auf muskulöse, wenn auch meist traurige Superhelden in flatternden Mänteln spezialisiert ist, in Understatement üben?

Ganz anders wirkt da der Aufritt der österreichischen Zeichnerin Ulli Lust. Bei ihr wird die Entstehungsgeschichte des preisgekrönten, autobiografischen Comics "Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens" ausgebreitet. Hier ist zu erkennen, welche Qualität ein gestalterisch und inhaltlich guter Comic hat: Wie ein guter Film wirkt das, nur individueller und facettenreicher, weil durch das Zeichnen mit der Hand Charaktere, Haltungen, Beziehungen auf offenere Weise verdichtet oder übersetzt werden können.

Auch ein Galerist und ein Verleger werden vorgestellt: Carsten Laqua hat sich auf das Sammeln und Handeln verlegt, während sich Dirk Rehm seit 1991 als "Trüffelschwein" betätigt. Am Stand des Comicforschers Dietrich Grünewald schließlich findet man die Story vom Müßiggänger Franz, aber auch drei Meter hohe Moritaten-Bilder, die die Bänkelsänger des 19. Jahrhunderts entrollten, um die vorgesungene Geschichte zu bebildern, etwa: "Eine Hochzeit in den Todtengewölben".

"Comicleben – Comiclife" Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe, bis zum 4. Mai 2014, geöffnet Di–So 10 bis 18 Uhr, Do 10 bis 21 Uhr

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