Premiere

Im Banne des Verführers auf der Bühne des Lichthof Theaters

Foto: Olympia Sprenger

"Die Wahrheit über Frankie" ist ein Theaterstück nach dem Roman der Hamburger Schriftstellerin Tina Uebel. Regisseur Sven Lenz war die Authentizität seiner Darsteller besonders wichtig.

Lichthof. Frankie ist ein toller Typ. Er ist jung, charmant, und er weiß, was er will. Keine Frage. Aber er ist auch gefährlich. Es ist die Geschichte eines Menschenverführers, die Regisseur Sven Lenz auf die Bühne des Lichthof Theaters in Bahrenfeld holt. Nach sechs Probenwochen feiert "Die Wahrheit über Frankie" an diesem Mittwoch Premiere.

Die Freunde sind Frankie verfallen. Er manipuliert sie mit Mitteln, die einfach, aber umso wirkungsvoller sind: Er täuscht Liebe vor, lässt Christoph, Judith und Emma leiden und belügt sie. Er gibt sich als Ermittler des Geheimdienstes aus und bittet sie um Hilfe im Kampf gegen drohende Terroranschläge. Was er bietet, hört sich spannend an. Er verspricht ihnen den Ausweg aus der Langeweile des Alltags. Bis sie erkennen, was dahinter steckt, dauert es lange: Frankie fordert von ihnen nichts Geringeres, als dass sie ihr normales Leben aufgeben.

"Die Wahrheit über Frankie" ist ein Theaterstück zum Roman der Hamburger Schriftstellerin Tina Uebel; das Buch erschien 2009. Sven Lenz und Tina Uebel gehören seit mehreren Jahren der gut vernetzten Hamburger Szene an. Beide sind in der Hansestadt geboren und leben hier, 2008 war Lenz, der in Köln, Berlin und Essen wohnte, wieder zurück in die Heimat gezogen. Bei der Umsetzung des Stoffs auf der Bühne hat sich die Autorin aus Volksdorf ganz rausgehalten. Da hatte der Regisseur ihr volles Vertrauen und alle Freiheiten, die er brauchte. Die Premiere, die sich Tina Uebel natürlich ansieht, wird also auch für sie eine Überraschung.

Ganz einfach war die Bühnenadaption nicht: Die Inszenierung versucht, möglichst nah am Buch zu bleiben. Trotzdem ließ sich nicht verhindern, dass für die vier Schauspieler Cornelius Henne, Mersiha Husagic, Dorit Oitzinger und Vitus Wieser einzelne Passagen umgeschrieben werden mussten. Denn was Sven Lenz vor allem wichtig war, ist die Authentizität seiner Darsteller.

Frankies Freunde haben ihre ganz eigene Sicht auf das, was passiert ist. Mit Vor- und Rückblicken lässt der Regisseur jeden seine persönliche Version erzählen und – weil die sich teilweise stark unterscheiden, sogar widersprechen – auf das, was gesagt wird, auch reagieren. Die Situation gleicht der in einem Verhör, in dem Geständnisse abgelegt werden. Aber das Publikum wird auch von den Schauspielern direkt angesprochen.

Die Bühne ist dunkel und bis auf vier Hocker leer. Auch die Kostüme sind schwarz – und eigentlich keine Kostüme, sondern aus den eigenen Kleiderschränken mitgebracht. Auch in diesem Punkt legen der Regisseur und sein Ensemble Wert darauf, möglichst authentisch zu sein.

Mit Wohlfühltheater hat "Die Wahrheit über Frankie" nichts gemein. Die Gewalt, die Demütigungen werden auf der Bühne sichtbar: "Die Zuschauer sollen mit den Figuren leiden", sagt Lenz. "In manchen Momenten ist es hart, sich das anzusehen."

Nicht nur einmal hat Sven Lenz sich die Frage gestellt, warum er sich diese kräftezehrende Produktion überhaupt antut: "Jeder der Schauspieler übernimmt mindestens eine Szene, die körperlich, aber auch psychisch extrem anstrengend ist. Sie müssen sich zum Beispiel minutenlang beschimpfen lassen. Wenn man diese Situation mehrfach probt, will man sich danach oft nur noch zurückziehen oder am liebsten schon währenddessen eine Flasche Wein aufmachen." Er lacht: "Das nächste Mal mache ich sicher wieder was Leichtes, Lustiges."

Dennoch ist der 48-Jährige fasziniert von dem Stoff: "Es gibt bei mir eine ganz tiefe Angst, von der Willkür einzelner Menschen abhängig zu sein. Genau diese Willkür, die jeden betreffen kann und gegen die man einfach machtlos ist, greift das Stück auf." Automatisch stellen sich dem Zuschauer die Fragen: Hätte mir das auch passieren können? Wie verführbar bin ich eigentlich selbst?

Recherchiert hat Lenz für seine Inszenierung auch über den britischen Hochstapler Robert Hendy-Freegard, der sich in den 90er-Jahren als Geheimdienstmitarbeiter ausgab und Menschen dazu brachte, sich ihm aus Angst vor IRA-Anschlägen völlig auszuliefern. Schon Tina Uebel ließ sich von seiner Geschichte inspirieren. "Die Tatsache, dass das Stück auf einer wahren Geschichte beruht, macht einen noch nachdenklicher", meint Sven Lenz. Eine Lösung hat er trotz der intensiven Beschäftigung mit dem Themenkomplex Manipulation und Verführbarkeit nicht parat: "Eine einfache Antwort kann es auch gar nicht geben", sagt er. Um über das Thema nachzudenken oder darüber mit anderen ins Gespräch zu kommen, eignet sich "Die Wahrheit über Frankie" bestens.

"Die Wahrheit über Frankie", 13./14./18./19./20./21.9. jew. 20.15, Lichthof Theater (S Bahrenfeld), Mendelssohnstr. 15 b, Karten zu 15,-/erm. 10,- unter T. 85 00 08 40

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