06.02.13

Kulturkirche Altona

"Lux aeterna": Midori Seilers schwieriger Auftritt

Die Geigerin Midori Seiler spielt am 8. Februar in der Kulturkirche Altona ein vertracktes Barockstück beim Festival "Lux aeterna".

Von Verena Fischer-Zernin
Foto: Promo
Midori Seiler, Tochter einer Japanerin und eines Deutschen, ist in der Mozartstadt Salzburg aufgewachsen
Midori Seiler, Tochter einer Japanerin und eines Deutschen, ist in der Mozartstadt Salzburg aufgewachsen

Hamburg. Das muss eine Elfe sein, eine Elfe in Schwarz freilich. Bedeckt von Herbstlaub oder Schneeflocken, reitet sie auf den Schultern eines Mannes über die Bühne und spielt dazu den Solopart der wohl berühmtesten Violinkonzerte der Welt, nämlich Vivaldis "Vier Jahreszeiten". Selbst an den virtuosesten Stellen lässt die Geigerin sich nicht davon beirren, dass sie keinen Grund unter den Füßen hat.

Dass die choreografische Aufführung des Zyklus mit der Akademie für Alte Musik Berlin weltweit Furore gemacht hat, daran hat Midori Seiler entscheidenden Anteil. Nicht nur ihr Spiel, auch ihr dichtes schwarzes Haar, ihr bestürzend roter Mund, ihr asiatischer Gesichtsschnitt sind Teil dieses Ineinanders von Formstrenge und Anmut.

Ein Wesen nicht von dieser Welt, so scheint es. Aber dann, abseits der Bühne, spricht die Elfe mit dem japanischen Aussehen handfest zur Sache, und das in Original Salzburger Tonfall. Seiler, Tochter einer Japanerin und eines Deutschen, ist nämlich in der Welthauptstadt Mozarts aufgewachsen; daher rührt ihre besondere Nähe zum Wolferl: "Ich hab halt meine ganze Jugend mit der kleinen Nachtmusik zugebracht", sagt sie trocken, und es schwingt in ihrer Stimme ein leichtes Amüsement mit.

Wenn sie am Freitag mit ihrem Mann, dem Cembalisten Christian Rieger, beim Festival "Lux aeterna" in der Kulturkirche Altona auftritt, huldigt sie freilich einem anderen Sohn ihrer Heimatstadt: Heinrich Ignaz Franz Biber, einem genial-verrückten Geiger und Komponisten des Barock, der über Jahrzehnte am Hof des Salzburger Erzbischofs wirkte. Wie genial und wie verrückt, zeigt ein Blick aufs Programm. "Sonaten über die Mysterien des Rosenkranzes" ist der Zyklus überschrieben, und ihn an einem Abend aufzuführen, verlangt an Akrobatik und Geistesgegenwart beinahe noch mehr als die "Vier Jahreszeiten" in luftiger Höhe. Die "Mysteriensonaten" gehören zum Anspruchsvollsten, was sich für Barockvioline denken lässt. Zum einen nimmt es der Interpret mit dem Kernbestand des christlichen Glaubens auf, denn Biber hat den Zyklus "zu Ehren der heiligen fünfzehn Geheimnisse" komponiert, also jener drei Fünfergruppen, aus denen der Rosenkranz zur Barockzeit bestand. Jeder Sonate ist eine Vignette vorangestellt, die eine Station von Jesu Leben darstellt.

Zum anderen aber, und hier wird es haarig, ist jede der Sonaten in einer anderen Stimmung zu spielen. Zu Bibers Zeiten gehörte die sogenannte Skordatur, das Umstimmen der Saiten, durchaus zum kompositorischen Vokabular, für heutige Geiger ist sie meist unbekanntes Terrain. Und vermintes dazu, schließlich muss der Musiker beim Notenlesen erst einmal alle Automatisierungen ausschalten, die er über Jahrzehnte erworben hat. " Das ist ein Marathon in Hirngymnastik", sagt Seiler. Dass ein umgestimmtes Instrument auch noch verwirrend anders klingt, dieser Effekt ist ein Baustein des riesigen Klangkosmos, den Biber mit seinem Zyklus angelegt hat. Biber ging damit an die Grenzen des aufführungstechnisch Machbaren. Was er, selbst ein Virtuose, vermutlich gelassen genommen hat, jedenfalls hat er noch ein kleines Extra mit hineingenommen: Für die 11. Sonate, die "Auferstehungssonate", kreuzt er die beiden mittleren Saiten zwischen Saitenhalter und Steg.

Zu den Tücken von Griffsicherheit und Intonation kommt als weitere Schwierigkeit hinzu, dass eine Geigensaite sich nur ungern umstimmen lässt. Es dauert, bis sie die neue Tonhöhe hält, und so lange will kein Zuhörer warten. Da hilft nur eins: mehrere Geigen benutzen. Was wiederum neue Fußangeln bereithält, denn jede Geige hat eine eigene Griffweite, auf die sich der Spieler einstellen muss.

Ein solche Prozedur ließe sich mit modernem Instrumentarium so gut wie nicht verwirklichen. Seiler ist aber, so mädchenhaft sie nach wie vor wirkt - über ihr genaues Alter schweigt sie - ein alter Hase auf dem Gebiet der historischen Aufführungspraxis. Da ist das Beherrschen unterschiedlichster Barockgeigen eine Selbstverständlichkeit. Schließlich gab es im 17. Jahrhundert noch keine Industrienormen. Und die blanken Darmsaiten wollen richtig angefasst werden, sonst strafen sie den Spieler gerne mit Quietschen oder Stillschweigen.

Nach Hamburg reist Seiler also mit vier Geigen an. Auch die muss sie mehrfach umstimmen. Vor allem aber muss sie ihre fünfjährige Tochter bei Laune halten. "Sie ist supersauer, dass sie an dem Wochenende nicht zu Hause ist", erzählt Seiler. "Wegen Karneval!" Die Familie wohnt in Köln.

Mysterium Fr 8.2., 20.00, Kulturkirche Altona, Max-Brauer-Allee 199, Karten zu 11,- bis 31,- unter T. 35 76 66 66; www.midoriseiler.de

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