24.12.12

Perle der Woche

"Cäsar muss sterben": Mehr als nur Theater

Paolo und Vittorio Taviani haben ein packendes Drama über Freundschaft und Verrat inszeniert, das Theater, Film und Leben verzahnt.

Von Michael Ranze
Foto: dapd
Schauspiel und Gefängnisalltag vermischen sich immer mehr, je länger die Proben dauern
Schauspiel und Gefängnisalltag vermischen sich immer mehr, je länger die Proben dauern

Es beginnt mit dem Ende einer Theateraufführung von Shakespeares "Julius Cäsar". Eine schlichte Bühne, zeitgenössische Kostüme, Scheinwerferlicht. Die Verschwörer stechen mit Dolchen zu, der letzte Stoß ist der von Brutus (Salvatore Striano). Während Marc Anton (Antonio Frasca), ein Anhänger Cäsars (Giovanni Arcuri), dem getöteten Tyrannen noch einmal mit respektvollen Worten huldigt, nimmt sich Brutus, der Grausamkeit seiner Tat wegen, das Leben. Das Stück ist zu Ende, die Zuschauer klatschen begeistert, die Schauspieler strahlen über beide Backen, und dann die große Irritation: Während die Kamera zurückfährt, kommen ein Wachturm und Männer in Uniform ins Bild. Wir befinden uns in einem Gefängnis, die Schauspieler sind Häftlinge. Nach der Aufführung werden sie von Beamten wieder in ihre Zellen geführt.

Paolo und Vittorio Taviani, die legendären italienischen Regiebrüder, sind in Deutschland vor allem durch ihre Filme "Mein Vater, mein Herr" (1977), "Good Morning, Babylon" (1987) und "Wahlverwandtschaften" (1996) bekannt. In den letzten Jahren war es ein wenig still um die Tavianis, schließlich sind sie mit 80 und 82 Jahren auch nicht mehr die Jüngsten, doch nun melden sie sich vehement zurück. Auslöser für das Projekt war ein Besuch im Gefängnis Rebibbia am Stadtrand von Rom, wo Häftlinge mehrere Höllengesänge aus Dantes "Göttlicher Komödie" vortrugen und so ihre eigene Hölle, nämlich den Hochsicherheitstrakt, reflektierten.

Man sollte sich keine Illusionen machen: Die schweren Jungs haben nicht etwa alten Damen die Handtasche geklaut, sondern mit Drogen gedealt und Menschen ermordet, manche sitzen darum lebenslang ein. Über den Theaterregisseur Fabio Cavalli (der hier auch am Drehbuch mitschrieb) kam der Kontakt zustande, die Idee zu "Cäsar muss sterben" war geboren.

Nach dem bereits geschilderten, farbigen Prolog wechselt der Film zu Schwarz-Weiß, "Sechs Monate früher" verkündet ein Zwischentitel. Alles auf Anfang also, und nun geht es - in den amüsantesten Szenen des Films - mit dem Casting los. Jeder Häftling stellt sich kurz vor, mit Namen und Herkunft, aber auch mit dem Vergehen und der Dauer der Strafe. Dabei sollen sie einmal traurig, einmal wütend sein - eine wundervolle, minutenlange Parade von Charakterköpfen, die mal schluchzen, mal schreien. Ob sie ihren (manchmal sehr ausgeprägten) Dialekt behalten dürften? Ob sie eigene Ideen einbringen dürften?

Und dann fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Hier sind abgebrühte Knackis mit Leidenschaft, Interesse und Neugier bei der Sache. Sie fühlen sich im Laufe der Proben in ihre Rollen ein, identifizieren sich, kommen Shakespeare immer näher, entdecken, was er und Julius Cäsar vielleicht mit ihnen zu tun haben könnten. Und allmählich werden sie zu verdammt guten Schauspielern mit großer Präsenz und echtem Charisma.

Das Faszinierende an "Cäsar muss sterben": Die Proben sind bereits Teil der Inszenierung, sie lassen sich von der eigentlichen Bühnenaufführung nicht trennen. Hatte man eben noch den Eindruck, einen Dokumentarfilm über die Entstehung eines Theaterstücks an ungewöhnlichem Ort zu verfolgen, ist man mittendrin in einem packenden Drama über Ehre und Freiheit, über Macht und Gewalt, über Freundschaft und Verrat - Themen, die durch den Handlungsort raffiniert gespiegelt werden. Die Verschwörer schmieden ihre Pläne in Gefängnisfluren, rotten sich im Hof zusammen oder lernen - jeder für sich - den Text in ihrer Zelle. Doch durch geschickte Montage entsteht der Eindruck, als würden sie direkt miteinander streiten. Und manchmal blicken Gefangene vom Geländer auf das Geschehen im Innenhof - als seien sie das römische Volk. Die schwarz-weißen, sorgfältig austarierten Bilder verweisen noch einmal auf die Inszeniertheit des Films.

Die Schauspieler des Theaterstücks bleiben, auch wenn sie aus ihren Rollen herausgetreten sind, Schauspieler des Films. Eine faszinierende, anspielungsreiche Brechung der Realität, die Theater, Film und Leben miteinander verzahnt und somit Shakespeare neue, ungewohnte Seiten abgewinnt.

Bewertung: überragend

"Cäsar muss sterben" Italien 2012, 76 Minuten, ab 6 Jahren, R: Paolo und Vittorio Taviani, D: Salvatore Striano, Cosimo Rega, Giovanni Arcuri, Antonio Frasca, Juan Dario Bonetti, Vittorio Parrella, Rosario Majorana, Vincenzo Gallo; Infos im Internet unter: www.caesarmusssterben-film.de

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