20.12.12

Perle der Woche

"Beasts of the Southern Wild": Hushpuppy bleibt oben

Das Fantasy-Drama besticht durch seine herausragende Hauptdarstellerin, durch seinen Blick auf Amerika und durch poetisch-schöne Bilder.

Von Volker Behrens
Foto: dapd
"Beasts of the Southern Wild"
So fantasievoll-unkonventionell sehen in Bathtub die Boote aus. Im Ausguck Hushpuppy (Quvenzhané Wallis)

Es ist eine stürmische Geschichte, die beginnt wie ein Märchen: "Es war einmal eine Hushpuppy, und sie lebte mit ihrem Vater in Bathtub", sagt die sechs Jahre alte Ich-Erzählerin. Das bedeutet Badewanne, denn Wasser gibt es in den Bayous Louisianas mehr als genug. Die Menschen trotzen den Sümpfen trotz Unwettern und Armut ihren Lebensraum ab. Das hat sie zu einer besonders verschworenen Gemeinschaft mit eigenwilligen Regeln gemacht. Es wird viel gefeiert in Bathtub, auch wenn jemand stirbt oder ein Sturm aufzieht. Hushpuppy wächst in diese Gemeinschaft, die sich ihren Hausstand aus Zivilisationsmüll zusammenbastelt, ohne ihre Mutter hinein, die bei der Geburt gestorben ist. Vater Hank bringt seiner eigenwilligen Tochter bei, wie man Fische mit der Hand fängt und überhaupt überlebt.

In der Schule hören die Kinder die Geschichte von den Aurochsen, prähistorischen Unwesen, die einst die Welt beherrschten und jetzt im Eis eingefroren sind. Aber da die Polkappen schmelzen, drohen auch sie wieder aufzutauen. Als ein Sturm aufzieht, verlassen viele der Bewohner Bathtub, nur wenige bleiben. Hank ist krank und beginnt seine Tochter auf die Zeit vorzubereiten, wenn er nicht mehr für sie da sein kann. Und die Aurochsen haben sich auch schon auf den Weg gemacht.

Selten hat ein Erstlingsfilm eine so originelle Sichtweise auf Amerika und die Welt transportiert wie "Beasts of the Southern Wild". Von ihrem Standpunkt jenseits des Deichs blicken die Menschen auf die Industrieanlagen einer großen Stadt und Hank sagt: "Ist es da drüben nicht hässlich? Wir leben am schönsten Ort der Welt." Den lernt man aus der Perspektive des kleinen Mädchens kennen. Die Kamera bewegt sich oft auf seiner niedrigen Augenhöhe durch die Siedlung, in der die Bewohner mit fantasievoller Überlebenswut die Natur bekämpfen und doch respektieren. Durch die ungewöhnlichen Schauplätze, Lichtstimmungen, Requisiten und die Fantasietiere durchzieht die schwungvolle Geschichte ein magischer Realismus.

Einen großen Teil seines Charmes verdankt der Film seiner Protagonistin. 4000 Kinder hat Regisseur Benh Zeitlin gecastet, bevor ihm Quvenzhané Wallis mit ihrer Mischung aus Unbekümmertheit und kindlicher Weisheit überzeugte. Den Vater spielt Dwight Henry, ein Bäcker aus New Orleans. Auch alle anderen Darsteller sind Laien. Die skurrilen Charaktere könnten aus einem Film von Emir Kusturica stammen, die poetisch-schönen Bilder erinnern an das Kino von Terrence Malick. Das ist kein Zufall, Zeitlin hat als Kinovorführer gearbeitet. "Terrys Filme habe ich oft zweimal gezeigt. Nachdem die Zuschauer gegangen waren, gleich noch einmal für mich allein." Der Regisseur hat diesen Film mit dem Künstlerkollektiv Court 13 gestaltet, hat mit Lucy Alibar das Drehbuch geschrieben, inszeniert und zusammen mit Dan Romer auch noch die Filmmusik komponiert.

Eine stürmische Geschichte bleibt es über den Film hinaus. Als Zeitlin 2005 in Deutschland war, um seinen Kurzfilm "Glory at Sea" vorzustellen, zog der Hurrikan Katrina mit verheerenden Folgen über Louisiana hinweg. Mittlerweile wohnt der Filmemacher selbst dort. Auch während des Abendblatt-Interviews zu "Beasts of the Southern Wild" gab es Unwetterwarnungen für den Südosten der USA. Zeitlin war besorgt um seine Freunde, für die es offenbar gefährlich wird, wenn er auf Reisen geht. Dass er Louisiana den Rücken kehrt, steht trotz der Extremwetterlagen nicht zur Disposition. "Ich bin nicht wegen des Filmemachens dorthin gezogen und würde dort auch leben, wenn ich Fensterputzer wäre."

"Beasts of the Southern Wild" gewann 2012 das Sundance-Festival und die Camera d'Or in Cannes. Über mangelnde Mund-Propaganda konnten sich die Filmemacher nicht beschweren. Talkshow-Queen Oprah Winfrey machte sogar eine Sondersendung. Ein Interviewgast hatte ihr den Film empfohlen: Barack Obama.

Bewertung: überragend

Beasts of the Southern Wild" USA 2012, 92 Min., ab 12 J., R: Benh Zeitlin, D: Quvenzhané Wallis, Dwight Henry, Levy Easterly, im Abaton, Zeise; www.beastsofthesouthernwild.de

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