08.12.12

Altona

Jazz-Trompeter Till Brönner - Auf der Höhe der Zeit

Heller Kopf spielt schwarze Musik: Till Brönner gastiert mit seinem vorzüglichen Quintett an diesem Sonnabend in der Altonaer Fabrik.

Foto: dpa
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Auf der Trompete und dem Flügelhorn, wie hier bei einem Konzert in Frankfurt, improvisiert Till Brönner zu selbst komponierter Musik oder zu Coverversionen von Jazz-Titeln, die er liebt

Fabrik. Schwarze Schrift auf rot-orangefarbenem Grund und grafische Elemente in Weiß: Das löst bei Jägern und Sammlern von Jazzplatten ziemlich unweigerlich Assoziationen an das Label Impulse! aus. Das wurde 1960 in New York gegründet, sein Erfolg und Nimbus sind hauptsächlich mit dem Namen des Produzenten Bob Thiele verknüpft. Impulse! bot späteren Legenden wie John Coltrane, Charles Mingus oder Archie Shepp eine Heimat, also insbesondere jenen Jazzmusikern, die den Fortschritt ihrer Kunst im "New Thing" vorantrieben - der gerade noch vermarktbaren Spielart von Free Jazz.

Aber der erste Produzent des Labels, das zum ABC-Paramount-Konzern gehörte, war Creed Taylor. Der machte sich 1968 mit einer Plattenfirma selbstständig, die seine Initialen trug und zum Synonym für kommerziell sehr erfolgreichen Jazz wurde - manche sagen, zu dem US-Jazzlabel, das die 70er-Jahre mit ihre Freude am Amalgamieren früher Weltmusikeinflüsse (Bossa nova, Indien) mit Jazz und Pop am besten repräsentiert: CTI Records. Creed Taylor hatte Stars wie die Trompeter Freddie Hubbard und Art Farmer unter Vertrag, den Dave-Brubeck-Weggefährten Paul Desmond, auch den jungen Gitarristen George Benson und zeitweise Herbie Hancock.

Das ist nützlich zu wissen, will man das neue, schlicht nach dem eigenen Namen betitelte Album des deutschen Star-Trompeters Till Brönner richtig einordnen im Fluss der Jazzgeschichte und seiner eigenen Diskografie. Denn im Booklet spielt Brönner farblich massiv auf die Impulse!-Corporate-Identity an, und musikalisch erweist er mit den Aufnahmen dem melodisch ansprechenden, atmosphärisch farbenreichen Jazz der Spätsechziger und Früh- bis Mittsiebziger seine Reverenz - einer Musik, die bald darauf bei Leuten wie Bob James, Grover Washington oder Kenny G zu Smooth Jazz mutierte.

Brönners ausgeprägte Neigung zum Kuscheljazz trägt ihm seit Jahren scharenweise Hörer aus jazzfernen Gefilden zu und hat ihn zu einem vermögenden Mann gemacht. Doch sein erklärtes Vorbild ist immer noch Freddie Hubbard, der Panther des Jazz. Auf seinem neuen Album besinnt Brönner sich (auch) auf Hubbard, der selbst in seinen kommerziellsten Ausflügen das schöne, böse, schwarze Tier des Hardbop in sich nie ganz verleugnen konnte.

Technisch enorm auf der Höhe, spielt Till Brönner auf dem Album neben der Trompete auch viel Flügelhorn. Mit dem schwedischen Saxofonisten Magnus Lindgren bildet er eine Frontline, wie sie im Hardbop und auch im Quintett von Miles Davis üblich war. Doch die aufwendige Studioproduktion wartet auch, ganz im Stile vieler CTI-Aufnahmen, mit Flöte, Bassklarinette und Streichern auf (die meisten davon spielen sonst beim NDR Sinfonieorchester), ein Vibrafon tupft Atmosphärisches, handgespielte Percussion holt Latin-Feeling in die Musik.

Roberto di Gioia weckt mit seinen gruppendienlichen Voicings auf dem Rhodes und guten, alten Analog-Synthesizern viele Erinnerungen an die besten Jahre von Fusion und Jazzrock. Und gut inszenierte Echoeffekte und ein wunderbar soulig vor sich hin brummelnder Bass beschwören mehr als eine Ahnung von Motown und Psychedelic Pop herauf. Immer wieder, etwa im Song "The Gate", lässt die Musik die Begrenzungen einer Jazzband weit hinter sich und weitet sich im Arrangement zur Orchesterkunst aus. Nun bringt Brönner, der in Rom aufgewachsene deutsche Fachmann für Kaschmir-Jazz, mit seinem vorzüglich besetzten Quintett das so facettenreich arrangierte Studio-Material auf die Bühne.

Magnus Lindgren, der sein Saxofon schon jetzt beinahe mit der Altersautorität eines Joe Henderson bläst, ist ebenso dabei wie Wolfgang Haffner, der mit Christian von Kaphengst die Rhythmusgruppe bildet. Jasper Soffers heißt der aus den Niederlanden stammende Keyboarder.

Ob Brönner sich auch ein Gesangsmikrofon hinstellen lässt? Das Album ist rein instrumental, aber man weiß ja nie. Ein kundiger Ohrenzeuge der noch jungen Tournee berichtet jedenfalls vom besten Till Brönner, den es je gab. Die Band groove wie Hölle.

Till Brönner, Sa, 8.12. 21.00, Fabrik (S Altona), Barnerstraße 36, Restkarten zu 43,- an der Abendkasse

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