04.12.12

arte

Eine Seelenverwandte von Billie Holiday

Das Porträt "Sing, Inge, sing" erinnert an die fast vergessene Jazzsängerin Inge Brandenburg. Ihre Karriere kannte viele Tiefpunkte.

Von Tom R. Schulz
Foto: Arte/Salzgeber
Sing
Die kleine Minderheit der Jazzliebhaber im späten Wirtschaftswunderland bekam Inge Brandenburg auch im Fernsehen zu Gesicht

So wie dieses sehr sehenswerte Porträt einer großen, unangepassten, Fast-Vergessenen heißt, "Sing, Inge, sing", könnte man zu der Annahme verleitet werden, diese Inge Brandenburg sei gern gehört worden in ihrer Zeit. Dabei lautete der Imperativ der Deutschen in den 60er-Jahren, wann immer diese spröd-schöne Frau ihren Mund zum Musizieren auftat, vollständig wohl eher so: Sing, Inge, sing, aber bitte keinen Jazz, auch wenn du das am liebsten tust. Den mögen wir nämlich nicht so. Zu blöd, dass du keine Schlager magst, denn das ist, ehrlich gesagt, das Einzige, worauf wir wirklich stehen.

Es ist ein Jammer, auch noch 50 Jahre später, dass diese zum Jazzgesang so unfassbar begabte junge Frau zur falschen Zeit am falschen Ort war, wie es einer ihrer temporären Weggefährten, der Jazz-Posaunist Jiggs Whigham, in dieser Doku sagt. Für sie selbst war es eine Tragödie.

Inge Brandenburg, 1929 als drittes von sechs Kindern eines kommunistisch gesinnten Kleinkriminellen und einer mittellosen Hausfrau in Leipzig geboren, kam mit elf ins Heim. Nach Kriegsende machte sie sich auf die erfolglose Suche nach ihrer Mutter, die, wie sie später erfuhr, beim Transport nach Auschwitz gestorben war (der Vater kam 1940 im KZ Mauthausen um), und fing mit 19 in Augsburg fast ein neues Leben an. Sie nahm Klavierstunden und bewarb sich, "weil ich schon mit zwölf eine schöne Altstimme hatte", bei einem Tanzorchester als Sängerin. "Dort musste ich alles singen: Hillbilly, Sweet, Jazz, Rhythm 'n' Blues."

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass es Zeiten gab, in denen es vollauf genügte, den Jazz tagsüber auf der Straße und nachts in den Ami-Klubs zu erlernen, vor allem aber, dass das Wesentliche dieser Kunstform bis heute keine Akademie und keine Musikhochschule vermitteln kann, so liefert ihn diese mit vielen Zeitzeugenkommentaren angereicherte Hommage von Marc Boettcher an ein Naturtalent.

Inge Brandenburg hörte nichts anderes als den amerikanischen Soldatensender AFN, wo sie all die einschlägigen Vorbilder studierte, von Ella Fitzgerald über Jo Stafford bis zu Dinah Washington und Peggy Lee. Die 50er-Jahre wurde zur Lehrzeit in den Ami-Klubs, derart gründlich, dass ihr Englisch nicht den Hauch des Sächsischen verriet. Und so perfekt sie sich ins sprachliche Idiom einfügte, so traumwandlerisch sicher eignete sie sich das musikalische Vokabular des Jazz an.

Als sie 1958 mit den German All Stars um Albert und Emil Mangelsdorff zu spielen begann, schien ihre Zukunft gemacht. Da war sie, die deutsche Billie Holiday. Brandenburg phrasierte musikalisch zwingend und lebte in jeder Zeile, was sie sang. Ihr Schicksal hatte sich ins Timbre ihrer Stimme eingebrannt, doch sie scattete auch mit der Lässigkeit der Musikerin, die jederzeit weiß, über welche Akkorde sie gerade singt.

"Ihr Verhängnis war, dass sie ganz gern dem Alkohol zusprach", sagt ein Zeitzeuge. "Sie war nicht sehr diskret in ihren sexuellen Ansprüchen", formuliert es ein anderer. Schwieriger werdend im Zwischenmenschlichen, glückte ihr bald auch im Beruf nicht mehr viel. Mehrere Plattenverträge platzten, weil die Firmen ihre Versprechen brachen, sie auch mit Jazz zu präsentieren. Der fortlaufende Zwang zum Kompromiss mit der Liebe der Deutschen zum Schlager zermürbte sie. Im Suff wurde Inge Brandenburg rabiat, die Jobangebote gingen zurück. George Tabori ließ sie in "Pinkville" mehr sich selbst spielen als Theater, sie probierte sich als Texterin mit Tiefgang ("Morgen ist es vielleicht schon zu spät"), doch nichts griff, nichts gab der trudelnden Karriere Stabilität. Jahrelang war Inge Brandenburg ganz verschwunden.

1992 probierte sie ein Comeback im Jazzklub des Bayerischen Hofs in München, doch auch darauf folgte nichts. Ihren 70. Geburtstag überlebte sie nur um fünf Tage. "Sing, Inge, sing" ist ein würdiger Trost für eine große, vertane Chance der deutschen Nachkriegsmusikgeschichte. Ein Album mit Rundfunkaufnahmen verlängert den Genuss dieser einmaligen Stimme.

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