29.11.12

"Sunken Condos"

Donald Fagen gelingt erneut ein Meisterwerk

Der US-Musiker Donald Fagen schafft nach sechs Jahren Pause mit "Sunken Condos" ein Pop-Album von zeitloser Gültigkeit.

Von Tom R. Schulz
Foto: dpa
Donald Fagen - Jazzpop-Snob in den Charts
Donald Fagen, auf Fotos sonst der König grimmiger Posen und Blicke, in einem seltenen Moment von Ausgelassenheit bei einem Konzert in Montreux

Es gehört schon einige Chuzpe dazu, als Musiker in diesen Zeiten zur Promotion eines neuen Albums nach sechs Jahren Schaffenspause auf seine Homepage ein YouTube-Video zu stellen, das anstelle eines speziell dafür angefertigten Films geschlagene viereinhalb Minuten lang nichts anderes zeigt als das Covermotiv der CD. Donald Fagen, die vorzugsweise grimmig in die Kamera schauende bessere Hälfte des Duos Steely Dan, kann sich das offenbar leisten. Oder es ist ihm egal. Das Publikum, das Fagen beim Songschreiben möglicherweise im Visier hat, gibt auf so neumodisches Zeug wie Videos sowieso nicht viel. Die Connaisseure dieser Sparte des Pop, die ungeachtet all ihrer Coolness immer alt war und nie jung, die wollen durch die Qualität der Musik gewonnen werden, durch das Raffinement von Texten und Arrangements.

So gesehen, hat Fagen in der ihm eigenen lebensvergrätzten Lässigkeit mal wieder einen ziemlichen Coup gelandet. "Sunken Condos" enthält acht neue Kompositionen und eine Coverversion des Isaac-Hayes-Titels "Out Of The Ghetto", die sich indes thematisch und musikalisch bruchlos in das Album einfügt. Alles klingt genau so, als hätte es schon vor 30 Jahren aufgenommen worden sein können.

Fagen-Fans werden das "Sunken Condos" kaum als Schwäche auslegen. Schließlich haben Steely Dan schon immer extrem ausgefuchst geklungen, Fagens vorletztes, vor fast 20 Jahren veröffentlichtes Album "Kamakiriad" offenbarte schon im Erscheinungsjahr seine zeitlose Gültigkeit, und für den Nachfolger "Morph The Cat" (2006) bekam der New Yorker Faulenzer umgehend den Grammy. Bei ihm und seinem Steely-Dan-Mitstreiter Walter Becker ist immer alles bis aufs i-Tüpfelchen durchproduziert und klingt doch transparent. Der Jazz ragt an allen Ecken und Enden herein, ohne dass die Musik je nach Fusion geklungen hätte.

Auch "Sunken Condos" ist wieder ein Fest für Liebhaber handgemachter und mundgeblasener Musik. Fagen spielt viel Clavinet, das etwas spinettartig klingende, sehr perkussiv ausgelegte Keyboard, das den Soul der 60er-, 70er-Jahre prägte. Auch andere E-Pianos kommen zum Einsatz, Orgeln, die Harmonika, sogar eine Violine. Es gibt feine Bläsersätze, wunderschöne Gitarrenspuren (eine spielt der Jazz-Crack Kurt Rosenwinkel), der Bass ist je nach Bedarf mal akustisch oder elektrisch, das Schlagzeug puckert in der präzisen Nervosität, die schon in den 70ern Markenzeichen amerikanischer Studiomusiker war. Und mit Carolyn Leonhart und Catherine Russell unterstützen zwei auch unter eigenem Namen ziemlich erfolgreiche Sängerinnen Fagens Songs im Hintergrund. Die Grooves sind ausgeschlafen funky, bloß keine Hetze. Es ist das mittlere, zu flaneurhafter Langsamkeit neigende Tempo, das Fagen bevorzugt. Und die Melodien besitzen die Heimtücke, sich erst nach mehrmaligem Hören umso nachdrücklicher in den Gehörgängen festzuhaken.

Das Cover von "Sunken Condos" zeigt ein prächtig in ozeanischen Tiefen abgerauschtes Hochhaus mit Eigentumswohnungen, wie sie in New York eigentlich ständig an irgendeiner Ecke hochgezogen werden. Fische umschwimmen das strahlende Gebäude, der Meeresboden sieht mit seinen bemoosten Felsen fast so heimelig aus wie ein Waldidyll. Schwer zu sagen, was uns der Dichtersänger mit diesem Bild sagen will, umso mehr, als es kein Lied gibt, das auf diese (Traum?-)Vision Bezug nimmt. Eine Metapher für die Unbeständigkeit alles von Menschenhand Gemachten? Nachgereichter Kommentar zur Immobilienkrise, Stichwort Lehman Brothers? Alles geht.

Textlich sondiert Donald Fagen, der in ein paar Wochen 65 Jahre alt wird, eher Zwischenmenschliches, Intergenerationelles, gewiss (auch) Autobiografisches. Sich und seine Altersgenossen nennt er mit gehörigem Sarkasmusabstand "burned-out hippie clown" oder "ready for Jurassic Park". Doch in "Slinky Thing" hat einer dieser neuen Alten noch Glück: Er hat ein junges Ding erwischt. Die Kumpels sagen, lass die bloß nicht weg (sie geht natürlich doch). In "The New Breed" spannt ihm ein Computerfuzzi die junge Freundin aus, der unwürdig Verknallte in "Planet D'Rhonda" kennt das Alter seiner sexy Flamme nicht genau. Er tippt auf "between nineteen and thirty eight".

Mit seiner wenig Missbrauch gleich welcher Substanz verratenden Stimme schlüpft Fagen in die Zeiten der Prohibition ("Good Stuff"), ein anderes Song-Ich erinnert sich an eine früh verunglückte Bowling-Königin ("Miss Marlene"). Was ihn umtreibt, textlich und musikalisch, ist die Vergangenheit. Fagens herrlich klingende Notizen aus dem Leben eines älteren Herrn sind das Richtige für alle, die so alt sind, wie sie sich fühlen. Fagen versüßt ihnen ein Dilemma, das jeder von ihnen kennt: Das Alter ist süchtig nach der Jugend, aber die Jugend ist süchtig nach sich selbst.

Donald Fagen: "Sunken Condos" (Reprise)

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