24.11.12

Konzert Frei.Wild: Gitarren, Bier und Nationalismus

Von Christian Unger
Frei.Wild - Konzert am 22.11.2012 in Hamburg, o2 World Arena

Foto: Jazzarchiv/JAZZ ARCHIV HAMBURG

Mit fragwürdigem Patrioten-Rock stürmt Frei.Wild die Charts. Konzert ausverkauft. Die Band will nicht rechts sein, harmlos ist sie nicht.

Hamburg. Vor den Glastüren am Eingang E2 steht eine grüne Tonne. Eine gute Handvoll Jacken und Pullover liegen drin. Kleidung von "Thor Steinar" und "Pitbull", Marken, die auch Neonazis tragen. Tour-Ordner der Band Frei.Wild überprüfen vor Konzertbeginn jeden, der die O2-World in Stellingen betritt. Im Auftrag der Band, wie sie sagen. Einen hätten sie aus der Menge geholt, der die erste Strophe des Deutschland-Liedes angestimmt hatte. Sonst sei es aber ruhig gewesen. Wenn sie auf dem Land touren, sei da schon mal mehr los.

Die Band Frei.Wild hat sich mit ihrem neuen Album "Feinde deiner Feinde" an die Spitze der Charts gegrölt, das Konzert in Hamburg ist, wie fast alle, ausverkauft. Und sie haben eine Hymne, die auch in Stellingen 10 000 Kehlen mitsingen. "Südtirol", wo die Band herkommt: "Wir tragen deine Fahne ... deinen Brüdern entrissen ... Südtirol, du bist noch nicht verlorn, in der Hölle sollen deine Feinde schmorn."

Es ist brachiale Musik, geschrammelte Akkorde mit Texten über Patrioten, Freundschaft, Ehre und Stolz. 2002 erscheint das erste Album, weitere folgen: "Gegengift", "Allein nach vorne", "Die Welt brennt". Die Band Frei.Wild wird größer, beliebter. Harmlos jedoch ist ihre Musik keineswegs.

Im Oktober nennt der Journalist und Rechtsrock-Experte Thomas Kuban in der ARD-Sendung von Günther Jauch die Band ein "neues Phänomen des Rechtsrock". Auch andere Journalisten und Wissenschaftler ordnen die Texte der Band als nationalistisch, auch rechtsextrem, ein. Die "Zeit" nennt die Band die "neue Reichskapelle", andere Berichte folgen. Für Frei.Wild beginnt nun auch ein Imageproblem. Das eigentliche Problem aber kann man direkt vor Ort beobachten: Als vor der Arena in Stellingen die Massen in die Halle drängen, grölt ein Mann, dass man doch eine U-Bahn von "St. Pauli bis nach Auschwitz" bauen sollte. Vor einem Kiosk in der Halle steht ein bulliger Typ: "Nordmann" prangt auf seinem T-Shirt, und: "Dein Heil ist die Schlacht". Dazu Runen. Einzelfälle? Auch Einzelfälle fügen sich zu einem abstoßenden Gesamtbild.

Besonders erschreckend, wie sich solche Szenen unter die Masse von Normalos mischen, 16- bis 35-Jährige, von denen viele Parolen von Frei.Wild auf T-Shirts und Pullovern tragen: "Wir sind der Mittelfinger der Nation", "Sieger stehen da auf, wo Verlierer liegen bleiben", "Ich scheiß auf Gutmenschen und Moralisten".

In der Halle gibt es Popcorn und Hot Dogs. Aber die meisten Frei.Wild-Fans interessiert vor allem das Bier. Auf der Herrentoilette riecht es nach Erbrochenem. Frei.Wild ist Party, Alkohol und Freundschaft. Unpolitisch. So hätte es jedenfalls die Band gerne. Derzeit distanziert sie sich von Neonazis, wo es geht. In der Arena lässt Frontmann Philipp Burger die Masse laut "Nazis raus" brüllen. Seine Pressesprecherin verschickt eine Stellungnahme von Burger. "Klare Worte", ein Videoclip, in dem er sich gegen "Nationalsozialismus" und "jegliche rechte Gesinnung" wendet. Er dulde keine Nazis auf den Konzerten. Im Innenraum der Arena in Stellingen hängt ein Plakat an einer Absperrung: "Frei.Wild-Fans gegen Extremismus und Rassismus". Wissen muss man allerdings auch: Die Band braucht die Distanzierung, um den kommerziellen Erfolg nicht zu gefährden.

Es gehe nicht darum, Frei.Wild als Neonazis oder Rassisten abzustempeln, sagt Patrick Gensing, Journalist, Blogger und Autor mehrerer Bücher über die rechtsextreme Szene. "Es geht darum, auf ihre nationalistischen Lieder zu verweisen und das zu kritisieren." Der Gruppe sei es gelungen, sich bei Festivals zu etablieren, Kuban nennt es Identitätsrock, ein Genre, das aus der Neonazi-Szene bekannt ist: nationale Inhalte so weit wie möglich aus der politischen Isolation herauszubekommen, so das Ziel. Frei.Wild singt auch: "Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat, ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk."

Wie in der Rhetorik der NPD findet sich in Liedern von Frei.Wild die eigene Opferstilisierung. Die Band und die Fangemeinde als "kämpferische Minderheit" einer heimatfeindlichen Konsensgesellschaft. Durch Konzerte wie das von Frei.Wild in der O2-Arena wird Nationalismus in den Mainstream getragen. Überkommene Denkmuster kehren zurück: Es geht um Gut und Böse, um "Wir" und "Andere", um verschworene Gemeinschaft und Abgrenzung. "Leckt uns am Arsch", steht auf einem Frei.Wild-T-Shirt. Die Gefahr besteht, dass Fans von Frei.Wild über die Gruppe auch an andere Milieus herangeführt werden - an Neonazi-Bands mit klar rassistischen Parolen.

Besonders Sänger Burger steht in der Kritik. Noch bis kurz vor der Gründung von Frei.Wild 2001 war er Sänger der Kaiserjäger. Eine rechtsextreme Skinhead-Band, betont Gensing. "Wenn Burger heute sagt, sie hätten nur über Freundschaft und Alkohol gesungen, ist das eine Verharmlosung." Auch soll Burger sich 2008 in der Südtiroler Partei "Die Freiheitlichen", einer Art Schwesterpartei der rechten Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), engagiert haben. Burger verneint ein Engagement in der Partei auf Anfrage des Abendblatts. "Vielmehr war es ein Herantreten an ein freiheitliches Gemeinderatsmitglied in Brixen wegen kommunalen Angelegenheiten", schreibt er.

In dem Videoclip von Burger fällt das Wort Kaiserjäger nicht ein einziges Mal. Seine Distanzierung: "Ich habe in der Jugend nicht so gelebt, wie man das hätte machen sollen." Klare Worte sehen anders aus.