20.11.12

15 Geschichten, 15 Rezepte

Kulinarische Erzählungen: Wenn Milchreis literarisch wird

Der Autor Stevan Paul hat seine literarische Nische in der Kulinarik gefunden. Sein neuer Erzählband heißt "Schlaraffenland".

Von Maike Schiller
Foto: www.malzkornfoto.de/Mairisch-Verlag
Stevan Paul   Autor und Foodstylist

Hamburg. "Es ist eine elementare Notwendigkeit, sich zu ernähren. Elementar und mitunter hoch emotional", sagt Stevan Paul, seine Augen glänzen, seine Wangen sind von der klaren Spätherbstluft noch ganz rot, eben erst hat er ein Bohnenrezept auf seinem iPhone vorgezeigt, vor ihm dampft ein Kaffee. Man muss unwillkürlich an diesen irgendwie rührenden Werbeslogan denken: "Wir lieben Lebensmittel!" Das ist bei Stevan Paul so ähnlich. Er liebt das Essen und das Kochen und Restaurants und gute Produkte und alles, was damit zusammenhängt, daran besteht überhaupt kein Zweifel.

Und er ist hungrig. Daran besteht auch kein Zweifel.

Es ist zehn Uhr morgens, Hunger ist sein natürlicher Zustand um diese Uhrzeit, das Frühstück nämlich lässt Stevan Paul, gelernter Koch, erfolgreicher Foodblogger, Kochbuch-Ghostwriter und Schriftsteller, in der Regel ausfallen. Hungrig, sagt er, könne er besser schreiben. Über das Essen, natürlich, immer über das Essen.

"Schlaraffenland" heißt sein neues Buch, wieder ein Erzählband nach dem Debüt "Monsieur, der Hummer und ich", wieder im kleinen, feinen Hamburger Mairisch-Verlag erschienen, ein Buch "über die tröstliche Wirkung von warmem Milchreis, die Kunst, ein Linsengericht zu kochen, und die Unwägbarkeit der Liebe". 15 Geschichten, 15 Rezepte jeweils im Anschluss. Seelenfutter in kleinen Portionen. Nicht nur, weil Stevan Paul, dessen Foodblog nutriculinary.com zu den meistgelesenen in Deutschland gehört und der alle Texte in Tim Mälzers neuem Werk "Greenbox" verfasst hat, in seinen "Schlaraffenland"-Rezepten einige ausgewiesene Soulfood-Klassiker wie Milchreis, Erbsensuppe oder Grießbrei zusammengetragen hat. Sondern auch und vor allem weil er es vermag, seinen Protagonisten eben nicht allein in die Kochtöpfe zu schauen, sondern ins Herz. "Beim Essen und bei der Zubereitung von Essen", das weiß Stevan Paul, "geht es immer auch um zwischenmenschliche Beziehungen."

Und Stevan Paul, ein jungenhafter Typ, der am Bodensee aufgewachsen und beim Sternekoch Albert Bouley im Ravensburger Restaurant Waldhorn in die Lehre gegangen ist, ist der Autor dieser Erkenntnis. Er hat seine literarische Nische in der Kulinarik gefunden. Seine Helden sind Kellner, Köche, Foodblogger, die Küchenbrigade, die Gourmets oder jene, die es sein wollen.

Da ist zum Beispiel Herr Adam, gleich in der ersten Geschichte, Oberkellner in einem der, wie man so schön sagt, gehobeneren Restaurants. Er liebt dieses Restaurant; den würzigen Fond, der in der Küche vor sich hin simmert, die Seidenbezüge der Stühle im Gastraum, das feine Porzellan, das schwere Silber. Er liebt das alles sehr, vor allem, bevor die ersten Gäste oder Angestellten kommen. "Adam, altes Tellertaxi", kumpelt ihn der grobschlächtige Küchenchef an, der zu viel trinkt und zu viel flucht, am Herd aber wunderbar filigrane Kreationen zustande bringt, die Stevan Paul hingebungsvoll zu Papier bringt: "(...) cremig schmilzt der Schaum im Mund, die würzige weiße Fischsauce ist intensiv und reich, fein geschärft mit grünem Meerrettich aus Japan und einer feinen Säure von Limette und Zitronengras. Mit seinem Kellnermesser schneidet er von jeder Jakobsmuschel ein Stückchen ab. Das Muskelfleisch ist perfekt gebraten, noch schön glasig, knisternd schmilzt das knusprig geröstete Algenblatt."

Was in anderen Erzählungen die Liebesszenen sind, sind bei Stevan Paul die Beschreibungen des Essens. Er mag es sinnlich, schwelgerisch, dicke Scheiben saftigen Bratens, Zimtschnecken mit Rahm, der sanfte Schnitt scharf geschliffener Messer. Aber er weiß diese Sinnlichkeit auch zu brechen, mit sanfter Ironie, mit genauer Beobachtungsgabe, immer wieder mit einem unvermuteten, überraschenden Ton. Es ist im Grunde wie beim Kochen: Zu viel der verlockenden Süße und des Fetts, das ja durchaus Geschmacksträger ist, darf es eben auch nicht sein, es braucht den Kick der Säure, das konzentrierte, genaue Abschmecken der Komponenten.

"Schreiben und Kochen, das ist doch superähnlich", findet Stevan Paul. "Buchstaben und Wörter, das sind die Zutaten, der Koch bedient sich ihrer und kombiniert sie, es kommt etwas Neues auf die Welt, mit der Hoffnung verbunden, dass es schmeckt."

Geschrieben hat Stevan Paul "schon immer", Koch ist er einst geworden, weil ihm ohne Abi das ursprüngliche Berufsziel Journalist unerreichbar schien. Inzwischen verdient er vor allem als Foodstylist, ist jener nicht zu unterschätzende Künstler, der Gerichte so verlockend zubereitet und anrichtet, dass sie für Magazine oder Kochbücher fotografiert werden können und im Leser den Wunsch des Nachkochens - oder doch wenigstens: Nachessens - auslösen. Eine Woche im Monat, sagt er, kann er vom Schreiben leben. Und mit seinen Worten ist er im Grunde auch ein Foodstylist, wer Stevan Paul liest, sollte sich nicht gerade an einer Diät versuchen. Appetit ist unausweichlich.

Appetit, das ist ja auch eine Form der Sehnsucht, und die spielt in Stevan Pauls Geschichten eine zentrale Rolle. Da ist der alte Concierge, der seine letzte Nacht vor dem Abriss des einstigen Grandhotels hinter der Rezeption verbringt, oder die Kaufhauskantinenwirtin Herta Klöpke in der Titelgeschichte "Schlaraffenland", die sich nicht damit abfinden will, dass sie vom jungen Abteilungsleiter "Food and Beverage" wegrationalisiert wird, und die noch einmal so richtig auftischt.

Manchmal erzählen ihm Leser, ihnen habe das Buch so gut gefallen, dass sie es in einem Rutsch durchgelesen haben. "Da krieg ich fast Angst", gesteht Stevan Paul, "da denk ich: Na, hoffentlich hat der auch alles mitgekriegt!" Wer so schlingt, dem entgehen möglicherweise die feinen Nuancen. Ein wirkliches Kompliment hingegen sei es, wenn ein Leser eine Geschichte ein zweites Mal liest. "Das ist doch toll: ein Gast, dem das Essen so gut schmeckt, dass er es glatt noch einmal bestellt."

Was nach der Lektüre bleibt, ist kein schweres Sättigungsgefühl, sondern der angenehm zufriedene Wunsch nach mehr. Stevan Paul wird ihm nachkommen. Von den Kurzgeschichten hat er jedenfalls erst einmal genug. Jetzt ist der erste Roman an der Reihe. Der renommierte KiWi-Verlag hatte schon nach seinem Erstling Interesse angemeldet, weitere Erzählungen jedoch wollte er nicht. Jetzt wird nach "Schlaraffenland" auch der Roman im Mairisch-Verlag erscheinen. Dort hat man das Bedürfnis des Kulinarikers Stevan Paul verstanden: "Man muss als Koch ja erst mal gute Bratkartoffeln können, bevor man sich ans Soufflee wagt", sagt er und lächelt. "Und mal ehrlich: Richtig gute Bratkartoffeln sind wirklich tricky!"

Stevan Paul liest am 2.12. (mit Kaffee und Kuchen, 15 Uhr, Zweimeilenladen, Grüner Jäger); am 8.12., 20 Uhr, Baderanstalt (Hammer Steindamm 62).

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