Medienmacher Gruner + Jahr lässt sich Zeit mit Entscheidung über "FTD"

Foto: HA/A. Laible

Szenarien reichen von der Bestätigung des bisherigen Kurses bis zur Schließung der Gruppe, von der rund 400 Mitarbeiter betroffen wären.

Noch immer steht nicht fest, wie es mit den G J-Wirtschaftsmedien weitergeht, in denen das Zeitschriftenhaus Gruner Jahr ("Stern", "Geo") seine Wirtschaftstitel samt deren hoch defizitären Flaggschiffs "Financial Times Deutschland (FTD)" bündelt. An sich hätten die Aufsichtsräte an diesem Wochenende vom Vorstand eine Vorlage erhalten müssen, aus der hervorgeht, wie die Zukunft der Gruppe aussehen soll. Doch wegen der hoch komplexen Gemengelage lässt sich der Vorstand Zeit. Möglich, dass die Aufsichtsräte bei ihrer Sitzung am Mittwoch eine Tischvorlage vorfinden werden. Möglich aber auch, dass eine Entscheidung über das Thema verschoben werden muss.

Die verschiedenen Szenarien reichen von der - höchst unwahrscheinlichen - Bestätigung des bisherigen Kurses bis zur Schließung der Gruppe, von der rund 400 Mitarbeiter betroffen wären. Vergangenen Mittwoch präsentierten Geschäftsführerin Ingrid Haas und ihr Chefredakteur Steffen Klusmann dem Vorstand ein Konzept, mit dessen Hilfe das Defizit der "FTD" zurückgefahren werden soll, das 2012 bei 15 Millionen Euro liegen dürfte. Es sieht vor, die Seitenzahl des Blattes an normalen Wochentagen von 24 auf 20 abzusenken. Dafür soll die Wochenendausgabe statt 32 künftig 40 Seiten stark sein. In einem zweiten Schritt würde die "FTD" an bestimmten Tagen nur noch digital erscheinen. Am Ende dieses Prozesses, für den Haas und Klusmann drei bis fünf Jahre veranschlagen, stünde eine rein digitale "FTD", wobei eine Variante dieses Vorschlags das Überleben der gedruckten Wochenendausgabe vorsieht.

Zunächst würde ein solches Projekt wegen der erforderlichen Entwicklung eines leserfreundlichen Bezahlsystems und neuer digitaler Werbeformate sowie nicht unerheblicher Marketingaufwendungen viel Geld kosten. Allerdings wäre die Schließung der G J-Wirtschaftsmedien auch nicht gerade billig: Für einen Sozialplan müsste der Verlag etwa 40 Millionen Euro berappen.

Auch der Verlagsgruppe Handelsblatt (VHB), dem wichtigsten Wettbewerber der G J-Wirtschaftsmedien, geht es nicht so richtig gut. In einem Interview hatte Michael Grabner, Berater von Verleger Dieter von Holtzbrinck zu dessen DvH Medien die VHB gehört, durchblicken lassen, dass das "Handelsblatt" 2012 rote Zahlen schreibe. Später fühlte er sich falsch verstanden. Doch leitende VHB-Mitarbeiter bleiben dabei, dass ihr Flaggschiff Probleme habe. Deshalb sei für diesen Montag in Hamburg in den Räumen der ebenfalls zu DvH Medien gehörenden "Zeit" ein Krisengipfel mit Chefredakteuren und Geschäftsführern anberaumt. Falsch, sagt ein Verlagssprecher. Bei dem Treffen handele es sich um ein "normales Budgetgespräch". Im Übrigen schreibe das "Handelsblatt" schwarze Zahlen.

Gegenwind von unerwarteter Seite bläst derzeit der Journalistinnenvereinigung Pro Quote ins Gesicht, die sich für eine Frauenquote von 30 Prozent in redaktionellen Führungspositionen stark macht. Unlängst freute sich die Organisation über die Berufung von Sabine Rückert in die Chefredaktion der "Zeit" - und wurde dafür von der feministischen Frauenzeitschrift "Missy" kritisiert. Rückert vertrete antifeministische Positionen, monierten deren Macherinnen in einem offenen Brief, wobei sie sich vor allem auf das umstrittene Auftreten der "Zeit"-Frau im Kachelmann-Prozess bezogen. "Ich halte nichts von Gesinnungsschnüffelei", kontert die Pro-Quote-Vorsitzende Annette Bruhns. Nun sollen die unterschiedlichen Positionen in einem Streitgespräch in einer der nächsten "Missy"-Ausgaben geklärt werden.