15.11.12

Crystal Castles

Viel Eyeliner und Pony: Schrille Grenzgänger

Das Duo Crystal Castles aus Toronto huldigt auf "(III)" erneut einer Verbindung aus Elektronik und Dark Wave. Punk aus der Spielkonsole.

Von Annette Stiekele
Foto: Richmond Lam/Peculiar Promotion
Reeperbahn Festival Peculiar Promotion Crystal Castles
Reeperbahn Festival Peculiar Promotion Crystal Castles

Alles kehrt zurück in der Musik. Das hat ja auch etwas Wohltuendes. Es wird weiter auf den Gräbern getanzt, wie weiland in den 1980er-Jahren von vielen Schwarzkitteln im Gothic Rock. Bei den Sisters of Mercy, The Cure oder den Cocteau Twins.

Viel Eyeliner und dramatisch schwarz umrahmte Augen unter der strengen Ponyfrisur hat auch die Sängerin Alice Glass vorzuweisen. Damit schmückt sie den mit ihrem Kompagnon Ethan Kath fabrizierten wilden, Noise orientierten Neo-Goth-Elektropunk. Seit Jahren gilt das Duo als absoluter Hype aus dem kanadischen Toronto. Das soeben erschienene dritte Album "(III)" dürfte dem noch einige Umdrehungen hinzufügen. Dabei zählt die Musik derzeit zum aufregendsten, aber auch seltsamsten, was es derzeit zu hören gibt.

Crystal Castles sind aus der 8-Bit-Szene hervorgegangen, die auf den Computern der 1980er-Jahre, wie C 64 und Atari, komponiert. Und die Band ist Teil einer musikalischen Entwicklung, die fast ein neues Genre befördert hat, eine elektronisch dominierte Romantik, befeuert vom Rückzug in ein Schauerschlösschen aus Vergänglichkeit, umgeben vom Nebel des Okkulten. Bands wie Zola Jesus, Austra oder eben Crystal Castles versuchen sich aber nicht an einem schlichten Aufguss des Dark Wave im Gedenken an Joy Division. Diese neue, gerne mal mit dem kruden Genrenamen 'Witchouse' bedachten Klänge wurzeln zwar weiterhin im Indie, zielen aber mit fast klassischen Zutaten deutlich auf die musikalische Mitte.

Zur ersten Single des neuen Werkes "Plague" (übersetzt: "Pest") hat Crystal Castles ein eindrucksvolles, beunruhigendes Video gedreht, eine junge Frau bekommt in der Berliner U-Bahn einen Anfall, knallt aufplatzende Milchtüten an die Wände und führt einen zuckenden Wahnsinnstanz auf. "I need you pure I need you clean/Don't try to enlighten me" (Ich brauche dich rein, ich brauche dich sauber/Versuche, nicht, mich aufzuklären), brüllt Alice Glass, die auf jeden Fall auch eine Grenzgängerin ist, nicht nur, weil sie davon singt, dass sie die Pest-Plage sei. Crystal Castles hat einen schönen Hang zur Melodramatik und zur krankhaften Hysterie. Zu allem was vielleicht im Unterbewusstsein vor sich hin gärt und nach dem Dafürhalten mancher sicher besser verborgen bliebe.

Einige würden auch die dazugehörige Musik eher unter körperlicher Gewalt einordnen. Ein Kritiker verglich sie gar mit einer Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. Aber auch das kann ein Kompliment sein, wenn man sich erst mal aus dem eng gespannten Netz des anerkannten Pop-Diskurses herausbewegt. Andere konstatieren ihnen schrille, aber große Konzeptkunst. Den einen sind sie zu pathologisch, den anderen ihrer Zeit voraus.

Der ehemalige Heavy-Metal-Bassist Ethan Kath entdeckt um 2005 seine Vorliebe für allerlei Atari-Elektro-Frickeleien, und lernt die erst 15-jährige Alice Glass kennen, die damals Sängerin der kleinen Noise-Punk-Band Fetus Fatale ist. Fortan lötet das Duo tanzbare, Lo-Fi-produzierte Elektro-Beats, billige Trash-Elemente und aparten mal melodischen, mal expressiven Gesang im Projekt Crystal Castles zusammen. Den Namen entlehnt es aus der 1980er-Fernsehserie "She-Ra: Princess of Power", einem weiblichen Ableger von "He-Man". Und wie Punk aus der Spielkonsole klingt auch ihre Musik. In kurzer Zeit bringt es die Band auf zweimillionenfach geklickte MySpace-Hits. und auf das Cover der britischen Musikzeitschrift "NME". Die erste EP entsteht 2006, 2008 folgt das Debüt "Crystal Castles". Es landet auf Platz 39 in der vom "NME" geführten Liste der besten 100 Alben der Dekade.

Die Musik ist pure Besessenheit. Rausch- und Schockzustände, Endzeitgefühle. Flackernde Melodien über kreischenden Synthesizern. Die Beats donnern im Inferno. Die Texte wimmeln von kryptischen Anspielungen und wackligen Unschärfen. Von traurigen Augen, die durch nichts zu verbergen sind. Von der Gewalttätigkeit der Jugend. Und von Zuständen des Zwischengeschlechtlichen.

Ja, Crystal Castles sind eine kluge, für viele sicher auch eine gefährliche Band, weil sie die Rettung des Pop in einem apokalyptischen Minimalismus sehen. Aber natürlich beherrschen sie dahinter die Klaviatur des beherrschendsten aller Pop-Themen, der Liebessehnsucht. Die Wirkung ihrer Musik ist von ihrer Bühnenpräsenz kaum zu trennen. Gern inszenieren sich die beiden live als zombiehafte Wesen im Stroboskoplicht. Er mit Brille, Bart und Kapuze als verhuschter Tasten- und Technikmann. Sie als modisches, gern mal aggressiv sich gebärendes Neo-Goth-Girl. Die Sängerin könnte als Tochter von Robert Smith durchgehen. Mit dem The-Cure-Frontmann hat Crystal Castles vor einigen Jahren eine tolle Coverversion von "Not In Love" eingespielt, die das Zeug zum Chartbreaker hatte.

In der Hype-Stadt Berlin ist das Konzert der Crystal Castles längst ausverkauft. Am 9. Dezember ist das Duo auch im Hamburger Uebel & Gefährlich zu Gast. Vorher aber gilt natürlich: Album kaufen nicht vergessen.

Crystal Castles: "(III)" 9.12. live, 20.00, Uebel & Gefährlich, Feldstraße 66, Karten ab 24,40 im Vvk.; Infos im Internet unter www.crystalcastles.com

Crystal Castles: "(III)", Polydor/Universal

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