14.11.12

Zeitungskrise

Die "Frankfurter Rundschau" ist pleite

Die traditionsreiche linksliberale Zeitung, die seit Jahren defizitär ist, beantragt die Eröffnung des Insolvenzverfahrens.

Von Kai-Hinrich Renner
Foto: pa/dpa
Die "Rundschau" ist am Ende. Ihre Mitarbeiter können nur hoffen, dass sich im Insolvenzverfahren ein Interessent findet
Die "Rundschau" ist am Ende. Ihre Mitarbeiter können nur hoffen, dass sich im Insolvenzverfahren ein Interessent findet

Hamburg. Der gestrige Dienstag würde ihnen keine guten Nachrichten bringen, so viel wussten die Beschäftigten der "Frankfurter Rundschau" bereits am Montag. Denn vorgestern wurde verkündet, dass es am Dienstag eine kurzfristig anberaumte Mitarbeiterversammlung geben würde. Und auf solchen von jetzt auf gleich angesetzten Zusammenkünften, das lehrt die Erfahrung, sind positive Bekanntmachungen eher selten.

Bis 15 Uhr mussten die rund 500 Mitarbeiter der Zeitung allerdings nicht warten. Bereits gegen Mittag war durchgesickert, dass die Gesellschafter der "Frankfurter Rundschau" - das Kölner Zeitungshaus M. DuMont Schauberg (MDS) und die SPD-Medien-Holding DDVG - um 9.45 Uhr beim Landgericht Frankfurt die Eröffnung des Insolvenzverfahrens beantragt hatten.

Damit hatten allenfalls die größten Pessimisten gerechnet. Denn für das traditionsreiche Blatt, das als zweite Zeitung überhaupt am 1. August 1945 in Nachkriegs-Deutschland gegründet wurde, hätte es viel schlimmer nicht kommen können. Einige Mitarbeiter hatten auf einen Verkauf spekuliert. Angeblich soll der Zeitungsverleger Dirk Ippen ("Münchner Merkur", Offenbach Post") an der hoch defizitären "Rundschau" interessiert gewesen sein. Andere hatten auf die Fortsetzung des harten Sanierungskurses gesetzt. Im letzten Jahr waren nach etlichen vorangegangenen Sparrunden abermals 58 Stellen gestrichen worden. Selbst eine Einstellung der Zeitung wäre für deren Mitarbeiter womöglich das kleinere Übel gewesen. Denn dann hätte es wenigstens einen Sozialplan gegeben. Nun sind über das Insolvenzgeld gerade mal die Gehälter bis Ende Januar gesichert.

War es das für die einst stolze Zeitung, die bis Anfang der 90er-Jahre das überregionale Sprachrohr des linksliberalen Deutschland war? Womöglich noch nicht. Denn die Gerüchte über ein Interesse Ippens an der "Rundschau" sind wohl nicht ganz unfundiert. Zwar macht das Blatt allein in diesem Jahr 16 Millionen Euro Verlust. Doch die "Offenbach Post" des Verlegers und das benachbarte Frankfurter Blatt könnten gemeinsam Synergien heben. Zudem hält die "Rundschau"-Druckerei den höchst lukrativen Druckauftrag für die Frankfurter Ausgabe der "Bild"-Zeitung. So ohne Weiteres würde Ippen bei der "Rundschau" aber nicht zum Zug kommen. Weil sich die Verbreitungsgebiete der Frankfurter Zeitung und der "Offenbach Post" überschneiden, hätten die Kartellbehörden einer Übernahme der "Rundschau" durch Ippen nie zugestimmt, heißt es in Verlagskreisen. Wenn aber ein Sanierungskartell die einzige Möglichkeit sein sollte, um die "Rundschau" zu retten, sähe die Sache schon ganz anders aus.

Ob es aber überhaupt so weit kommen wird, steht einstweilen in den Sternen. Am Tag der Bekanntgabe der Zahlungsunfähigkeit des Blattes ging es zunächst um Ursachenforschung. Geschäftsführer Karlheinz Kroke machte das miese Anzeigengeschäft für die Pleite verantwortlich. "Es gab ab April ein massives Einbrechen im Stellenmarkt", sagte er.

Die wahren Ursachen der bereits seit Jahren anhaltenden Misere der "Rundschau" liegen aber tiefer. Das Blatt hat die Meinungsführerschaft in seiner Zielgruppe schon seit Langem an die "taz", vor allem aber an die "Süddeutsche Zeitung" verloren. Weil sie sich jahrelang jeglicher Modernisierung verweigerte, geriet die "Rundschau" in die Krise.

Als sie 2004 von der DDVG übernommen wurde, die 2006 50 Prozent der Anteile an MDS weiterreichte, war es bereits zu spät. Da halfen weder die Sparrunden noch die Konzentration aufs Regionale, das 2007 eingeführte kompakte Tabloid-Format oder die preisgekrönte App. Es gehört zur Ironie dieser traurigen Geschichte, dass die publizistische Qualität der "Rundschau" sich zuletzt deutlich verbesserte. Geholfen hat es nicht: Von 2001 bis heute sank die verkaufte Auflage von 190 000 auf 118 000 Exemplare. Und von 2004 bis 2012 ging der Umsatz um 40 Millionen Euro zurück.

Den Gesellschaftern kann man kaum den Vorwurf machen, den Antrag auf Insolvenz leichtfertig gestellt zu haben. Allein MDS hat in den vergangenen Jahren 136 Millionen Euro in die "Rundschau" investiert. Und die SPD wird nicht ohne Not unmittelbar vor dem Bundestagswahljahr eine Zeitung ihrer Medien-Holding insolvent gehen lassen und dabei mehr als 500 Arbeitsplätze riskieren.

Das Sagen hat bei der "Rundschau" nun der Frankfurter Rechtsanwalt Frank Schmitt. Er wurde vom Gericht zum Insolvenzverwalter bestimmt. Von ihm hängt nicht nur das Wohl und Wehe des Frankfurter Blatts ab, wie die Redakteure der "Berliner Zeitung" gestern um 17 Uhr in einer Mitarbeiterversammlung erfuhren: Zuletzt hatte das ebenfalls bei MDS erscheinende Hauptstadtblatt gemeinsam mit der "Rundschau" eine Redaktionsgemeinschaft gebildet, die beide Titel mit überregionalen Inhalten versorgt. Wie es mit ihr weitergeht, liegt nun ganz allein in Schmitts Hand.

Die "Frankfurter Rundschau"

Die "Frankfurter Rundschau" (FR) wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet und war seitdem eine markante linksliberale Stimme auf dem Medienmarkt. Vor gut zehn Jahren geriet sie in die Krise.

August 1945: Die "FR" erscheint zum ersten Mal.

April 1946: Karl Gerold (SPD) steigt bei der Zeitung ein. Er schärft ihr linkes Profil. Von 1954 bis zu seinem Tod 1973 leitet Gerold die Zeitung als Verleger, Herausgeber und Chefredakteur.

1973: Die Karl-Gerold-Stiftung wird gegründet. Sie wird alleinige Eigentümerin des Druck- und Verlagshauses Frankfurt, in dem die "FR" erscheint.

2001: Die "FR" hat eine Auflage von 190.000, gerät aber in die Krise.

März 2002: Der Verlag mit seinen rund 1500 Beschäftigten kündigt drastische Einsparungen an.

 April 2003: Hessen übernimmt eine Bürgschaft für die "FR".

Mai 2004: Die SPD-Medienholding DDVG übernimmt 90 Prozent der Anteile am Druck- und Verlagshaus Frankfurt.

2006: Das Kölner Medienhaus M. DuMont Schauberg MDS ("Kölner Stadt-Anzeiger") übernimmt von der DDVG die Mehrheit an der "FR". Die DDVG bleibt Miteigentümerin.

2007: MDS modernisiert die "FR" und stellt sie auf Tabloid um. Die Auflage stabilisiert sich vorübergehend bei 150.000

2011: Wegen anhaltender Verluste wird der Mantelteil der "FR" in Berlin von der MDS-Redaktionsgemeinschaft produziert, um Kosten zu senken. Zu MDS gehört inzwischen unter anderem auch die "Berliner Zeitung", mit der die "FR" zeitweise eine gemeinsame Chefredaktion hatte.

Oktober 2012: MDS prüft, ob die FR zumindest in Norddeutschland von einer Papier- auf eine Digitalzeitung umgestellt werden kann.

November 2012: Wegen anhaltender Verluste stellt der Verlag der "FR" Insolvenzantrag. Die Auflage lag zuletzt bei 118.000, von der Insolvenz sind 487 Mitarbeiter betroffen.

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