13.11.12

Hamburgische Staatsoper

Mehr als ein Hauch von Hollywood

Aus Puccinis "Madama Butterfly" macht die überragende Sängerdarstellerin Alexia Voulgaridou an der Staatsoper ein Lehrstück über die Liebe.

Von Tom R. Schulz
Foto: dpa
Staatsoper Hamburg - "Madama Butterfly"
Starkes Paar für eine Nacht: B.F. Pinkerton (Teodor Ilincai) und Cio-Cio San, genannt Butterfly (Alexia Voulgaridou)

Hamburg. Diese Treppe ist eine Meditation, ein Geduldsspiel, eine Nervenzerreißprobe der fiesen, weil indirekten Art. Die Spindel aus Stahl führt von irgendwo unten nach irgendwohin oben, sie bleibt die ganzen zweieinhalb Stunden über, die "Madama Butterfly" dauert, unübersehbar im Blickfeld, brutal stylish hineingetrieben in die Mitte dieses seltsamen Trauerspielraums auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper. Ein Triumph menschenfeindlicher Innenarchitektur.

Denn die Wendeltreppe hat scharfe Kanten und kein Geländer. Und so, wie der Regisseur Vincent Boussard den amerikanischen Marineoffizier B.F. Pinkerton und die ihm in einer flotten Formalität angetraute Cio-Cio San, diesen Irrtum von einem Liebespaar, gelegentlich auf ihre Stufen schickt, rückwärts nämlich, fürchtet man fortwährend, dass sie stolpern, fallen, sich den Hals brechen werden. Wie gut, dass die Frucht ihrer kurzen Liebe hier nur als Kunststoffpuppe im Marineanzug in Erscheinung tritt; so muss man sich nicht auch noch um die Trittsicherheit eines Kleinkinds, das auf der Treppe herumtollt, sorgen.

Broussards Partner Vincent Lemaire hat dem ungleichen Paar auf Zeit ein hohes, penthausartiges asiatisches Zuhause gebaut, dessen Kargheit als Einheitsbühnenbild er mit Prospekten hinter raumhohen Türen und einer raffinierten Lichtsetzung (Guido Levi) belebt. Die Tapeten nehmen das Motiv eines Gazevorhangs auf, hinter dem sich die erste, einzige Nacht der beiden vollzieht: Mohnblüten, oft sind es nur Stängel mit Knospen, die an umherirrende Samenfäden denken lassen, schließlich geht es hier um Liebe mit Folgen.

Die Kostüme des Modeschöpfers Christian Lacroix sind erwartungsgemäß der Traum jeder "Vogue"-Leserin: Die Kimonos mit ihren raffinierten Farbkombinationen entfalten eine diskrete exotische Pracht, und weil hier alles in der besseren Gesellschaft spielt, darf noch der Regenmantel des Konsuls Sharpless ein Designerstück ersten Schneiderranges sein. Für die Staffage seelischen Elends wurde dieser Kostümbildner jedenfalls nicht engagiert.

Dafür ist ja auch die dramatische, oft irgendwie früh-hollywoodesk wirkende Musik Puccinis zuständig, eine starke, emotional aufwühlende und trotzdem transparent instrumentierte Partitur. Alexander Joel bringt sie mit den motivierten und gut reagierenden Philharmonikern als Kammerspiel mit viel Volumen-Reserven zum Klingen. Es bebt und wogt aus dem Graben, ohne dass Joel auf die Tube drücken muss.

Dynamische Abstimmungsschwierigkeiten überwand in der Premiere vor allem der ausgezeichnet intonierende, strahlkräftige Tenor Teodor Ilincai, der als Pinkerton im ersten Akt noch unnötig lärmte. Als er im dritten Akt ins Geschehen zurückkehrte, fügte sich sein wohltuend sicheres Organ bestens ins Klangpanorama ein.

Bei dem latenten Doppelimperialismus der "Butterfly"-Vorlage - Yankee mit Was-kostet-die-Welt-Attitüde greift sich zum Spottpreis und, weil's so Usus ist, für 999 Jahre eine 15-jährige Geisha aus Nagasaki, Mann vom Mars macht sich Frau von der Venus ohne Rücksicht auf Gefühle Untertan und wirft sie nach Gebrauch fort - ergreift Puccini eindeutig Partei für Cio-Cio San. Mit der erst nach dem Desaster der Uraufführung (1904) hinzukomponierten späten Reue-Arie des einst so unbekümmerten Marineoffiziers ließ er sich auf dessen Rehabilitierung ein, doch die bleibt ziemlich halbherzig.

US-Konsul Sharpless (sehr nobel und klangschön: Lauri Vasar) hat als Kenner der Codes in Japan das Unglück, in das Pinkerton die Geisha Cio-Cio San stürzt, von Anfang an kommen sehen. Auch deren Zofe und Seelenschwester Suzuki (Cristina Damian) traut dem schneidigen Marine nicht über den Weg. Doch erst die durch nichts kühlbare Hoffnungshitze, mit der Butterfly sich als Verlassene und von der Familie Verstoßene wider alle Vernunft doch noch an ein Glück mit diesem Hallodri klammert, macht die Mésaillance zur großen Tragödie.

Alexia Voulgaridou gewinnt dieser Opernfigur besonders im zweiten und im dritten Akt so viel Persönlichkeit ab, dass man sich passagenweise eher im Theater als in der Oper glaubt - so dicht, so differenziert, so frei und selbstgewiss spielt sie diese felsenfest Liebende, die doch all ihr Unheil längst schon düster ahnt. Diese als Darstellerin und als Sängerin sehr beeindruckende Frau gibt der durchweg musikalischen und sorgfältigen Inszenierung das stärkste Gewicht. Vor allem ist es die Wandlung der Butterfly von der anfangs gefügigen, noch buchstäblich in japanische Konventionen eingebundenen Geisha, die durch den Übertritt zum Christentum allerdings schon da ihren eigenen Kopf probiert, zur amerikanisierten Paria in Jeans und lässigem Oberteil mit überlangen Ärmeln, zur Frau von heute, der man fast atemlos folgt.

Wie die Voulgaridou im zweiten Akt eine vollständig neue Körpersprache spricht, etwa in einer dem 21. Jahrhundert abgeschauten Abwehrgeste gegenüber dem sie drangsalierenden Makler Goro (Jürgen Sacher gibt ihm feist-joviale Züge und seinen souveränen Tenor) und dem chancenlosen Freier Yamadori (eher als Erscheinung imposant: Viktor Rud): Das ist aufregend, glaubwürdig, zeitgemäß und bestens geeignet, die vermeintlich so künstliche Kunstform Oper auch für ihr ferner Stehende zum Erlebnis zu machen.

In dieser sympathisch-unverrätselten Inszenierung bleiben nur zwei offene Bilder. Was tun all die kleinen Marinesoldatenbabys in dem von innen beleuchteten Wandschrank? Sind sie Spielzeug, oder sollen sie Chiffre sein für all die Kinder, die andere amerikanischen Kurzzeit-Lover nach dem Paarungsrausch in den Geishas zurückließen? Und warum bricht es am Ende der Kinderpuppe doch das Genick, obwohl sie nie auf der Treppe gespielt hat?

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